Freitag, den 18. Mai 2012
 
Die immer weiter sich beschleunigenden Veränderungen unserer Zeit: Immer weniger bin ich geneigt, sie für bloße Wandlungen zu halten: für ein neuen Geschmäckern angepasster Tapetenwechsel in unserer Wohnungen, ein Austausch von Stühlen und Tischen, ein Abschleifen der Parkettböden, ein Niederreißen von Wänden und Einziehen neuer Treppen, welches aber insgesamt den Grundriss und Zuschnitt unserer Häuser nicht entscheidend tangiert. Da vollzieht sich kein Wandel, bei dem unter dem üblichen Murren der gereiften Jahrgänge und dem Jubel der heranwachsenden Generation Altes durch Neues ersetzt wird. Wandel bedeutet, dass neben das notwendig Sich-Auflösende zugleich ein Aufbauen tritt, so dass Abreissen und Aufrichten insgesamt sich die Waage halten. Davon kann keine Rede mehr sein: Die Auflösungsprozesse haben entschieden die Oberhand. So hat es auch Ernst Jünger gesehen und von einem Prozess der 'Weißung' gesprochen: Es wird abgeräumt, selbst dort, wo anscheinend errichtet wird...
 
Freitag, den 11. Mai 2012
 
Spätnachmittag. Die Schneise, die der Sommer in diesen Tag geschlagen hat, beginnt schon wieder zu schwinden. Das Gewölk wird dichter, das Licht, hereinbrechende Gewitter ankündigend, stechender. Wenn die Meteorologen recht behalten, wird der Mai sein unbeständiges Spielen zwischen wärmender Sonne, Regen und erneut einbrechender Kälte weiter fortsetzen. In meinen Seelenknochen spukt noch das Entsetzen über den am gestrigen Abend gesehenen Film 'Work Hard Play Hard'. Dieser stellt die bereits ans Tor der Gegenwart klopfende Zukunft der Arbeitswelt vor: Beständig wechselnde Arbeitsräume, in denen deshalb nichts Privates mehr seinen Platz finden kann, die aber doch durch Farbgebung, Mobiliar, Bilder und integrierte Cafézonen an einen merkwürdigen Mix von Zuhause und Erlebniscenter erinnern. Fortbildungen, in denen Arbeitsgruppen durch gemeinsame Bewältigung eines Abenteuerparcours zu einem Team zusammen wachsen sollen, in welchem sich der Geist genauer Kalkulation mit wilder Kreativität vereint. Man gibt einerseits kindlichen Unernst als Parole aus: Man soll spielen, am besten in einen 'Flow' geraten, in dem man einander in blindem Einverständnis zuzuwerfen vermag. Andererseits besteht kein Zweifel, dass hinter dem Spiel der Ernst steht und gerade derjenige nicht bestehen wird, der sich tatsächlich in der Spiel-Welt aufzuhalten wähnt. Man meint, die tiefe Einsicht Schillers, dass der Mensch im Spiel den zwischen Pflicht und Lust bestehenden Graben zu schließen vermöge, tatsächlich im Sinne eines permanenten Optimierungsprozesses karrieristisch auschlachten zu können. Ohne indessen jener Bedingung Rechnung tragen zu müssen, die Schiller ebenfalls benennt: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist..." So spielerisch sich diese Mühlen auch geben: sie bleiben das, was sie sind...
Entsetzlich wird der Film dadurch, dass er sich jeden Kommentars enthält.
Zu Wort kommen einzig und allein die Protagonisten dieser Zukunft. So etwa die Trainer, die sich permanente Optimierung auf die Fahnen geschrieben haben und dies als bewusstes und unbewusstes Gesetz den Menschen bis in die letzten Seelenfasern einschreiben wollen: "Wir wollen den Change bis in die DNA der Mitarbeiter." Spätestens dann wird deutlich, dass es in der neuen Arbeitswelt um die Seelen der Menschen gehen wird. 
 
 
Dienstag, den 8. Mai 2012
 
In einem Brief Peter Nádas' lese ich: "Der Hygieneanspruch dieser am höchsten zivilisierten Gesellschaften übersteigt bei weitem das, was für ihre Gesundheit vernünftigerweise nötig wäre. Würde ein Mondbewohner beobachten, wie viel sie von dem Geld, das sie durch Waffenhandel ergattern, für Toilettenduft und Waschmittel aufwenden, dann müsste ihn der Verdacht beschleichen, dass die Ansprüche, die sie an ihre Seelenhygiene erheben, in keiner Relation zu ihren Ansprüchen an körperlicher Hygiene steht."
Ich muss daran denken, was mir vor kurzem in einer hessischen Landmetzgerei - nie hätte ich von außen vermutet, dass gerade dort mir der 'Fortschritt' so entschieden entgegentreten würde - widerfahren ist: Den Geldschein, mit dem ich meine Schuld begleichen wollte, wies man zu meinem Erstaunen freundlich zurück. Stattdessen wurde mir mit dem georderten Frikadellenbrötchen ein Coupon ausgehändigt, mit dessen Hilfe ich die Zahlung an einem neben der Ausgangstür stehenden Geldapparat vorzunehmen hatte - selbstverständlich um dem steigenden Bedürfnis nach Hygiene gerecht zu werden...
 
Mittwoch, den 18. April 2012
 
Ich schweige nummehr seit Monaten. In dieser Zeit ist mir ein Lied des Songwriters Leonard Cohen nahe gewesen. Ein Lied? Mehr ein Gebet: 
 
If It Be Your Will   
 
If it be your will                                              
That I speak no more                               
And my voice be still                                     
As it was before                                         
I will speak no more                                       
I shall abide until                                             
I am spoken for                                             
If it be your will                                           

If it be your will                                               
That a voice be true                                        
From this broken hill                                      
I will sing to you                                              
From this broken hill                                      
All your praises they shall ring             
If it be your will                                               
To let me sing                                                 
From this broken hill                                     
All your praises they shall ring              
If it be your will                                               
To let me sing                                                 

If it be your will                                              
If there is a choice                                       
Let the rivers fill                                              
Let the hills rejoice                                         
Let your mercy spill                                      
On all these burning hearts in hell                    
If it be your will                                           
To make us well                                             

And draw us near                                           
And bind us tight                                            
All your children here                       
In their rags of light                                         
In their rags of light                                         
All dressed to kill                                          
And end this night                                          
If it be your will                                              

If it be your will         
 
 
Wenn es Dein Wille ist
 
Wenn es dein Wille ist
dass ich nicht mehr sprechen soll
Und meine Stimme verstumme
Wie schon zuvor
Werde ich nicht mehr reden
Und mich daran halten bis
Ich angesprochen werde
Wenn es dein Wille ist

Wenn es dein Wille ist
Dass eine Stimme von Wahrheit kündet
diesem zertrümmerten Berg herab
Werde ich dir zusingen
Von diesem zerbrochenem Berg herab
werden alle dich preisenden Lobgesänge erklingen
Wenn es dein Wille ist
Mich singen zu lassen
Von diesen zerbrochenem Berg herab
Werden alle dich preisenden Lobgesänge erklingen
Wenn es dein Wille ist
Mich singen zu lassen

Wenn es dein Wille ist
Und eine Wahl gibt
Lass die Flüsse anschwellen
Lass die Berge jubeln
Lass deine Gnade sich ergießen
Auf all die brennenden Herzen in der Hölle
Wenn es dein Wille ist
Uns heil zu machen

Und zieh uns in deine Nähe
Und binde uns fest an dich
All deine Kinder hier
In letztem Lichtflackern
In letztem Lichtflackern
Aufgedonnert bis zum Umfallen
Und mach ein Ende mit dieser Nacht
Wenn es dein Wille ist


Wenn es dein Wille ist
 
 
 
Donnerstag, den 16. Februar 2012
 

"... es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben." Noch immer gehe ich um mit dem zuletzt geäußerten Gedanken, dass diese ur-lutherische Einsicht, nach der das Scheitern-Müssen - ähnlich wie der Tod - tief in der Essenz des Menschseins eingesenkt sei, gar nicht einmünden muss in Traurigkeit und Depression, gar nicht gemeint sei als etwas Tragisches: weil uns im Scheitern insgeheim die Krone des Lebens überreicht wird... 
Kaum ein Theologe hat diese Denkwege so verfolgt wie der frühe Karl Barth. Vor einigen Wochen haben wir gebrütet über seine berühmten Sätze, die nichts anderes sind als ein Bekenntnis zu einem unabdingbaren theologischen Scheitern-Müssens: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“
Die meisten hörten aus solcherlei Bekenntnissen nur Verzweiflung sprechen. Das liegt wohl daran, dass für die heutige Zeit das Scheitern das Unerträglichste überhaupt darstellt: Nichts Schlimmeres, nichts Bedauernswürdigeres, nichts Traurigeres als dies! Ich meine indessen, dass Karl Barth dieses Bekenntnis keineswegs als Verzweifelter, sondern geradezu lachend spricht! Ja, wenn es einen gibt, der uns zu lehren vermag, dass sich sogar ein fröhliches, nämlich Gott eben darin die Ehre gebendes Scheitern ereignen kann: dann er...
Morgen abend werde ich nach Stuttgart fahren, um Ilija Trojanow (wahrscheinlich) über das gleiche Thema sprechen zu hören: Er wird im Literaturhaus über 'Scheitern als Chance' sprechen - und vielleicht wieder einmal den Beweis führen, dass ausgerechnet die Literaten urreformatorische Einsichten bewahren, die in der Kirche verloren zu gehen drohen...
 
 
Donnerstag, den 2. Februar 2012
 
Den Frost, welchen mir der Januar des neuen Jahres innerlich gebracht, indem er mich ins dunkle Labyrinth der Trauer schickte, meint nun der Februar im Äußeren wiederholen zu müssen. Alles friert. Klirrende Kälte schiebt sich unter Jacken und Pullover, drängt sich in Hosen und Schuhe, setzt sich in den Lungenflügeln fest, besetzt die Fensterfugen. Erschüttert hat mich dieser Tage auch der Tod von Theo Angelopoulos, welcher gerade erst mit den Dreharbeiten zu einem Film begonnen hat, mit dem sein letzter Filmzyklus seinen Abschluss finden sollte. Absurd: Ausgerechnet der große Meister der langsamen Bilder und Schnitte wurde von einem rasenden Motorrad überfahren. Als hätte sich das Unverständnis des herrschenden Zeitgeschmacks seinem Werk gegenüber für einige Momente in motorisierten Hass verwandelt.
Seltsam auch, dass sich gerade über die größten Künstler - und im Rahmen der Filmkunst sehe ich den Poeten Theo Angelopoulos in deren Reihen - der Schatten des Unerfüllten, Fragmentarischen neigt: Es ist ihnen nicht gestattet, zu Ende zu bringen, was ihnen vor Augen schwebte...
Oder ist es umgekehrt gerade dieses Scheitern im Letzten, das einem Werk, ja einem ganzen Lebenswerk, zur geheimen Vollendung verhilft? Findet sich im Abbruch der Gedanken, im Sinken der Hände, in den ungeschrieben bleibenden Zeilen und Noten, in der Leere der ungedrehten Filmsequenzen eine untergründige Selbstverneinung statt, die in Wahrheit nichts anderes ist als ein demütiges Zurücktreten und Sichverneigen vor einem Größeren? Wird einem Künstler möglicherweise gerade so die Krone des 'Soli Deo gloria' zuteil, auch wenn er selbst nie danach gegriffen haben mag?
Der letzte Film von Angelopoulos sollte 'The other sea' heißen, das andere Meer. Auch dieser Titel gibt nun noch ganz anders zu denken, als möglicherweise von Angelopoulos gewollt.