Montag, den 26. Dezember 2011
Nachdem ich die vorweihnachtlichen Tage zum Teil fiebrig verbracht und die Last dienstlicher Verpflichtungen gleichsam als Schattenwesen getragen habe, nun der Eindruck eines langsamen Wiedererwachens, in dem auch die Erinnerung an kostbarste Begegnungen dieser Zeit heller zu werden beginnt, in ihrer Leuchtkraft immer stärker wird. Jene Augen-Blicke, in denen D. und ich uns für immer voneinander verabschiedet haben. Mir kommt es so vor, als hätte ich in diesen wenigen Minuten eines immer entfernteren Einander-Zuwinkens so viel gesehen, dass es für Jahre reicht. Die Gehenden hinterlassen Geschenke.
Und die Kommenden bringen sie mit: deren Größtes feiern wir in diesen Tagen...
Dass der heraufziehende Mittag mir dreckig-graue, alles Weihnachtliche bezweifelnde Lichtfetzen in die Augen zu streuen versucht, bekümmert mich darum wenig.
Sonntag, den 11. Dezember 2011
Adventliche Lesefrucht bei Ernst Jünger:
„Auch »ankommen« zählt zu den Modewörtern - der oder jener Denker »kommt nicht mehr an«. Ein Wort der Verkehrssprache - es ist, ähnlich wie »umstritten«, abwertend gemeint. Hier ist zu prüfen: Wer kommt nicht mehr an, und für wen? Ferner: Wer kommt an, und bei wem? Das ist zu messen an der Kardinalfrage: Ob Götter ankommen.”
Man ist geneigt, aus dieser Beobachtung heraus eine geistige Gleichung aufzustellen: Je weniger mit den spirituellen Schürhaken das Feuer einer das göttliche Kommen herbeisehnenden adventlichen Erwartung geschürt wird, desto unabweisbarer wird es für eine Zeit, wenigstens bei den Menschen 'anzukommen'. Desto größer aber auch gerade bei Institutionen der schleichende Autoritätsverlust verbunden mit der Neigung, diesen Verlust durch Musilsche 'Parallelaktionen' zu kompensieren. An diesem Sonntag gedenken die Kirchen eines Rufers in der Wüste, der für solche 'Parallelaktionen' am allerwenigsten zur Verfügung stünde...
Mittwoch, den 30. November 2011
Am Morgen seines letzten Tages verabschiedet sich der November, als müsste er leise weinen, mit leichtem, feingewobenem Regen.
Donnerstag, den 24. November 2011
Irgendwo in den Tiefen des Internet bin ich auf ein Interview mit Anselm Kiefer gestoßen und dabei auf folgende Passage:
Kiefer: Die gesamte Theologie und Prophetie ist der Versuch, Nichterklärbares zu deuten...
Frage: Sollten wir mehr die Bibel lesen?
Kiefer: Dazu braucht man stille, leere Räume. Man kann die Bibel nicht einfach so im Bus lesen. Leere Räume fehlen heute. Alles ist schon zugepflastert. Auch auf der Toilette ist man nicht mehr allein.
Wissen wir, was wir tun, wenn wir zugunsten von gemütlichen Eventmöbeln das letzte verbliebene harte Gestühl von Stille und Leere in unseren Gottesdiensten fortschaffen und bei Seite räumen? (Ja, Leere und Stille sind keineswegs etwas Nicht-Vorhandenes. Auch sie brauchen ihren eigenen Raum, den man ihnen nehmen kann!)
Mittwoch, den 23. November 2011
Dieser Tage lebe ich ganz in den Bildmonumenten Anselm Kiefers, welche ich am Sonntag in Baden-Baden gesehen: Diese reichen weit zurück und weisen vielleicht noch weiter voraus. Wurzeln in archaischstem Boden, alten Mythen, in Kabbala und Genesis und atmen zugleich jesajanische Schau und johanneische Offenbarung, tiefstes Weltverstehen und Zerbrechen jeglicher Antwort. Als wäre dies alles eins, als wären dies zutiefst miteinander verwobene, ineinander fließende Zeitschichtungen, Partikel eines einzigen Zeitstrahls, die mitnichten auseinander dividiert werden können: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Werden und Entstehen. Wachsen und Zerfall. Anfang und Ende. Licht und Finsternis. Das Gute und das Böse. Glaube und Zweifel. Frage und Antwort und Wiederfrage. Es ist ein großer, auf unendliches Strömen verweisender Geist, der über den Bildern Anselm Kiefers liegt. Ein Meer der Inspiration.
Anselm Kiefer verteilt gedanklich noch große Geldscheine, wo weithin nur in kleinen Münzen gezahlt wird.
Donnerstag, den 17. November 2011
Die gespensterhafte Glätte der perfekt gestylten Triumphatoren, welche, um sich bewundern zu lassen, die teuren Einkaufsmeilen der Großstädte wie auf einer dem eigenen Ich geltenden Prozession durchschreiten. Die maskenhafte Sterilität, die sich, gerade wenn sie freundlich lächeln, auf den Gesichtern der Macht- und Siegesgewissen ausbreitet: Ich habe das alles nie bei denen gefunden, die sich in Selbstzweifel und Trauer über ihrer Leben beugen müssen.
Dafür aber etwas anderes, Wahrhaftigeres...
Ohne Leid glorifizieren zu wollen: Es ist wohl so, dass wir in den Augenblicken, in denen etwas zerbricht und wir aus einem mit (allzu?) großer Selbstverständlichkeit geführten Leben herausgeschleudert werden, insgeheim auch in die Zonen eines eigentlicheren Lebens geraten... Es könnte deshalb sein, dass das Zerbrechen weit weniger zu betrauern ist als jede versuchte Inszenierung einer erfolgreich-fugenlosen Existenz: "There is a crack, a crack in everything / That's how the light gets in. Es gibt einen Riss in allem / Doch gerade so kommt das Licht herein." (Leonhard Cohen, Anthem)
Mittwoch, den 16. November 2011
Auf den zuletzt sich häufenden Fahrten drängt sich zunehmend der Eindruck auf, unser Land hätte sich in eine Ansammlung von Baustellen verwandelt. Allenthalben stößt man auf veränderte Verkehrsführungen, Umleitungen, Straßenverengungen und provisorische Ampeln, vor denen sich lange Autoschlangen aufhäufen und kaum von der Stelle kommen. Ich bin sicher: Betrachtete man alles nur weit genug von oben, dann böte sich dem Auge ein einziges großes, von riesigen Maschinenrädern - und Ketten durchpflügtes, umgrabenes, verwundetes, zerfleischtes Stück Erde dar, über die sich eine ähnlich hitzige Geschäftigkeit gelegt wie bei einem gerade niedergestreckten Schwein im Schlachthof, das rasch aufgehängt und mit Sägen zerlegt wird. Indessen kommt man mit seinem Fahrzeug kaum von der Stelle, benötigt zum Teil Stunden für Strecken, für die man normalerweise den Zeitaufwand in Minuten berechnen würde.
Es geschieht ungeheuer viel bei zugleich höchster Stagnation: Kann es ein treffenderes Bild von unserer Zeit geben?
Sonntag, den 30. Oktober 2011
Je weiter die Tage voranschreiten der Frostzeit entgegen, desto schöner die Farben des Herbstwaldes: Vor dem Verlöschen in der Tristesse des Winters ein kaum beschreibbares Leuchten! Selbst in den Brauntönen, die bereits an das vermodernde Laub am Boden gemahnen, aber gleichwohl ein schwereloses, transparentes Licht in sich tragen, als würden die bald niederfallenden Blätter keinesfalls zur Erde, sondern in einen Himmel sinken.
Ich gestehe: Eine ähnliche Schönheit nehme ich oft wahr in den Gesichtern der alten Menschen, denen ich begegne: In den Narben der Falten, die der Schmerz ins Antlitz gemeißelt hat, und im Hintergrund der verwelkten, müden Augen meine ich zuweilen einen von weiter her kommenden Glanz schimmern zu sehen. Auch dieser Glanz hat wohl etwas mit der Grenze zu tun, die sich da annähert. Und er scheint wie das Herbstleuchten um mehr zu wissen als nur um den Tod und Verwesung, um die Verbundenheit mit der schmutzigen Erde frisch ausgehobener Gräber, über welche die Bestatter heutzutage die falsch-beschönigende Schminke künstlichen grünen Rasens zu legen pflegen.
Ich weiß, dass sich viele Menschen scheuen, die Residenzen zu betreten, in denen unsere Alten auf den Tod wartend ihr letztes Zimmerchen bewohnen. Aber warum? Aus Angst, hier in einem Spiegel die eigene Vergänglichkeit zu erblicken? Aber vielleicht käme es lediglich darauf an, die Altersheime zu durchschreiten wie einen Herbstwald: Durch die Blätterberge gefallenen Laubs zu waten, aber dabei Ausschau zu halten nach diesem Leuchten...
Samstag, den 29. Oktober 2011
Der Oktober bereitet sich einen glanzvollen Abschied. Am Himmel kaum eine dunkle Wolkenschliere.
Ich dagegen habe in den vergangenen Tagen an schweren Gedanken getragen, bin geschwommen im trüben See düsterer Ausblicke, habe getrunken von der schwarzen Milch der Melancholie. Schwermütige Briefe, die mich erreichten. Durchschreiten tragikgetränkter Zonen. Zuletzt der Vortrag über den zukünftigen Aufenthalt im technisch durchgestalteten Menschenpark, welchen ich am Donnerstag in Stuttgart gehört...
Dieser Abend war zweifellos ebenso erhellend wie bedrückend: Verknüpfungen von Mensch und Maschine, die Entwürfe neuer genetischer Baupläne, angesichts derer unklar ist, wieweit sie noch einem 'Homo sapiens' zugeschrieben werden können, sind nicht nur in den Bereich des grundsätzlich Möglichen gerückt, sondern werden in einem für Normalsterbliche kaum vorstellbaren Umfang von der Technikerelite bereits angedacht und geplant. Eine Welt, in der alle Körperteile durch Prothesen ausgetauscht, ja verbessert werden können. Fehlfunktionen verhindernde Gehirnimplantate, Gedankensoftware und beliebig an-, ab-, und zuschaltbarer Gene. Fraglich, wie lange es den Ethikkommissionen noch gelingen wird, dem Druck der neuen Möglichkeiten Stand zu halten: Schon jetzt gleichen sie von Wassermassen bedrängten Staudämmen, deren Untergrund aufgeweicht ist. Traurig auch, wie wenig solche Ausblicke anscheinend interessieren: Gerade einmal vierzehn Hörende verloren sich im Vortragssaal.
Gleichwohl erhebt sich die Sonne Morgen für Morgen mit geradezu tänzerischer Leichtigkeit und zieht leuchtend hinweg über den Trübsinn der Erde, menschlichen Allmachtswahn und Unernst (ja, auch dies war mir in dieser Woche vergönnt: das nette Kinderspiel der Würdenträger, das da heißt 'Sehen und Gesehenwerden'). Über allem aber die Sonne: Was es wohl mit dieser Heiterkeit auf sich hat?
Donnerstag, den 20. Oktober 2011
Der Affenzirkus gegenseitiger Vorwürfe, kleinlicher Demütigungen und Kränkungen, des Sich-Ereiferns, Intrigierens, der larmoyanten Aufschreie und Selbstbeweinungen- und Bezichtigungen: Er hält in dem Moment inne und weicht betroffenem Schweigen, wenn der Tod die Bühne betritt und uns vor Augen führt, dass wir auf diese Weise das Leben in einer Form von normalem Wahnsinn nur verschwenden und vergeuden, an ihm gleichsam vorbeileben. Es ist, als erhielten wir für Momente die Möglichkeit eines wahrhaftigeren Lebens aufgezeigt - die indessen ungenutzt bleibt: Nur kurze Zeit danach beginnt der Affenzirkus sein altes Spiel von neuem...
Unmöglich dies zu verstehen, ohne jene Zone mitzubedenken, die der biblische Begriff der Sünde umrissen hat.
Mittwoch, den 19. Oktober 2011
Regen schwemmt eisige Kälte in den Tag. Auf den Feldern von Langenbrand haben sogar schon die ersten Sendboten des Schnees ihre Spuren hinterlassen. Ich bemerke, dass ich heute anders nach Büchern greife, anders darin lese: Bedürftiger, hungriger, durstiger, ungeduldiger. Als wären sie Mäntel, in denen man sich wärmen kann. Hütten, in denen ein Kaminofen brennt. Stille Freunde des Herbstes, Wegbereiter jener Jahreszeit, in der man zurückgezogen im Zimmer nur noch auf den Feldern des Geistes weite Wanderungen unternimmt.
Ich muss an das Bekenntnis von Neo Rauch denken, er habe während eines Aufenthaltes in der sommerlichen Toskana kein einziges Bild gemalt, ja nicht einmal in seiner Vorstellung auf den Weg gebracht: Vielleicht muss man frieren, um zu erahnen, was Kunst in ihrem Innersten bedeutet.
Sonntag, den 16. Oktober 2011
Prächtig streut der Oktober sein strohgelbes Licht über Wege und Felder. Als ich am frühen Morgen die Schömberger Hochebene erreiche, erfasst mich für einige Augenblicke der tiefe Wunsch, das Auto einfach am Wegrand stehen zu lassen, um gleichsam trunken von Licht über gefrorene Erde hinweg unablässig der aufgehenden Sonne entgegen zu schreiten. Einige Sekunden lang lösen sich die schweren Fragen, denen ich noch im Dunkel der Nacht so viel Beachtung geschenkt, ja über die ich bereits in den Zonen des Halbschlafs gebrütet, auf in feine Nebelschleier einer geradezu bestürzenden Bedeutungslosigkeit. Und als wäre ein sonst verschlossenes Fenster von irgendwoher aufgestoßen worden, meine ich in jäher Gewissheit und ohne den geringsten Zweifel zu erkennen, dass genau so und kein Deut anders sich mein Sterben ereignen muss. Nur dass mich dann nichts mehr davon abhalten wird, mich ganz der Sonne hinzugeben. Zauber der sonntäglichen Morgen...
Bereits am Nachmittag ist er verflogen: Kein Fenster mehr, durch das man auf andere Sphären aufmerksam gemacht würde. Als ich zurückfahre, sehe ich, wie Menschen zufrieden durch einen durch und durch schönen Tag spazieren, der gleichwohl nur noch narzistisch-leer sich selbst im Spiegel zu betrachten scheint.
Donnerstag, den 29. September 2011
Die dem Winter - und damit immer auch der Region des Todes - zuführende Brücke des Herbstes: Wie eine Festtafel ist sie in diesen Tagen geschmückt allein schon mit Licht, Farben. Und mit welch verschwenderischen Gesten teilt die Natur in wildem Gären noch einmal ihre Gaben aus, bevor sie sich schlafen legt: Der Reichtum an süßer Frucht, mit dem uns schon unser kleines Gärtlein in diesem Jahr beschenkt... Auch die Winzer werden, wie ich höre, heuer reichlich gesegnete Ernte einfahren: Trauben, welche, geküsst von der Sonne und dem Atem kühler Nächte, tiefen, von Licht und Erde kündenden Wein versprechen.
Aber wo nur ist der Herbst unseres Denkens? Der Herbst der tanzenden Worte, der überschäumenden Metaphern, der Poesie? Der Herbst einer uns innewohnenden geheimen Musik voller verschwendenderischer Töne, die wir träumend vor uns hersummen? Der Herbst unserer grübelnden Gehirne, nach Schönheit suchenden Augen, das kostbare Meersalz der Welt schmeckenden Lippen?
Ich weiß nicht, was geschehen ist, dass wir uns selbst, in Denkfabriken eingesperrt, so sehr einem nüchternen, sparsamen, kärglichen Denken und Sprechen überantwortet haben. Aber es ist unübersehbar, dass in der Art und Weise, wie wir die Welt betrachten, die Festtafel abgeräumt und alles Überflüssige entfernt wurde.
War es dieses ganz und gar einem kritisch-analytischem Geist sich verschreibende Fragen, mit dem die Studenten vor vierzig Jahren die Festung altehrwürdiger Traditionen bestürmten, um überall das hohle Pathos und den leeren Glanz falschen Scheins zu entlarven? Dann wäre jener damals gerufene Geist seither seine eigenen Wege gegangen und hätte weit mehr abgeräumt, als er ursprünglich sollte...
Oder ist ein ins Universale sich erhebender kaufmännischer Sinn dafür verantwortlich, der nun meint, die ganze Welt gleichsam in den Zahlen der nackten Fakten verrechnen zu können?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir nun an Tischen sitzen, die, nachdem man beinah alles fortgeschafft hat, weder mit hohlem Pathos, noch mit falschem Schein, dafür bald mit nacktester Leere gedeckt sein werden.
Und des Fortschaffens ist, obwohl langsam, langsam ein Fragen anhebt nach dem Verlorenen, noch immer kein Ende....
Montag, den 26. September 2011
Trügerischer, unglaubwürdiger Spätsommer: Während die Morgen- und Abendstunden in Erinnerung rufen, dass uns unabweisbar kältere Zeiten ins Haus stehen, übt die heisse Jahreszeit tagsüber scheinbar unangefochten ihre Herrschaft aus. Aber selbst wenn man sich der Sonne noch freut: Man vermag ihrer Regentschaft nicht mehr zu trauen, bereitet sich innerlich vielmehr auf andere Tage vor, wartet auf peitschenden Wind und schneidenden Regen.
Vielleicht ist unserer Zeit überhaupt in diesem Sinne im Spätsommerliches zueigen. Denn egal ob wir uns der Welt des Politischen, der Kultur oder der Kirchen nähern: Allerorts treffen wir an, bis ins Kindische hinein, Inszenierungen heiterer Spiele, überall das ebenso breite wie leere und darum so fürchterliche 'Lächeln der Wahlredner' (Dávila). Selbst dort, wo einmal der Gang ins Ernsthafte versucht wird, bleibt man (dies vielleicht die eigentliche Tragik des Papstbesuches) um die sonnige Kulisse bemüht.
Indessen: Man will und kann all dem, auch wenn um einen her noch so sehr lachend Beifall geklatscht wird, nicht mehr glauben, weil man im Untergrund Zeitschichtungen empfindet, die anderes andeuten.
Ja, ich glaube dem Spätsommer nicht mehr...
Donnerstag, den 22. September 2011
Seit ich im Schwarzwald weile, sind mir die Bäume noch weiter an Herz gewachsen, sind mir Tiefvertraute geworden. Schon seit je her stehen sie mir nahe, ragen sie hoch auf in meinen Erinnerungen, wenn ich der Gänge durch den alten Ulmer Friedhof gedenke oder der Kastanien vor den Ruinen der Dreifaltigkeitskirche, deren Früchte wir ernteten Herbst um Herbst, indem wir Stöckchen ins Geäst warfen. Unvergessen auch die alte Magnolie vor dem Brunnenhaus des Maulbronner Kreuzgangs, deren Blütenpoesie uns im Frühling verzauberte. Wie oft bin ich vor ihr gestanden, mich fragend, wie viele Zöglinge der Schule sie schon gedankenversunken an sich vorbeischreiten sah.
Indessen erblicke ich heute noch weit mehr in ihnen: Bäume sind Wächter und Hüter der Zeit. Sind, über Gräber sich neigend, große Mütter, welche die Arme ihrer Äste über Toten und Trauernde ausbreiten. Sind Zeugen der Stille, Meister der Lichttöne, Lehrer metaphysischen Grübelns. Sind den die Herbstalleen Durchschreitenden Wegbegleiter baumhoher oder fragmentarisch-fliegender Gedanken. Sind ganz gewiss blätterflüsternde Künder auch des jesajanischen Rufs
'Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein."
Was ist geschehen, dass sie uns nur noch Rohstofflieferanten sind, mit deren Holz wir die Böden, Wände und Decken unserer Häuser zimmern und das Papier schöpfen, welches wir mit Sinnlosigkeiten füllen? Nicht viel mehr als wachsende Tannenbaumlager für die kommenden Weihnachtsfeste? Eine gigantische Reinigungsindustrie für den Dreck, den wir in die Luft blasen?
Hamann, der uns dereinst zuflüsterte, der Natur sei ein immerwährendes Sprechen Gottes eingesenkt, ist uns fremd geworden. Wir erlauschen aus ihr keine Bedeutung mehr, sondern sehen vor uns nur noch das Zifferblatt uns dienstbarer stumm-mechanischer Notwendigkeit. Aber warum dieses Durcheilen der Welt wie ein Hochhaus in geschlossenen Fahrstühlen? Warum halten wir unser Weltverstehen mittlerweile in Begriffskäfigen für gedankliche Legebatterien?
Ich frage mich, wie man darin überhaupt leben kann: Ich für meinen Teil will heute nachmittag noch wenigstens für ein halbes Stündchen unter Bäumen wandeln und Gott bitten, dass er mir meine tauben Ohren öffne.
Dienstag, den 20. September 2011
Auf meinem morgendlichen Weg nach Schömberg bemerke ich im Tal einen aufs Feinste gesponnenen Nebel, der aufsteigt über dem satten Grün der Bachaue, auf dem Sonnenlicht tanzt, zärtlich küsst Kronen und Blattwerk der Bäume und die zerfurchten Landkarten ihrer Borken benetzt. Er tauft die Pferde, welche etwas stumpfsinnig im Morgen stehen, als gehörten sie nicht hier her. Nebelschleier zwitschert mit den Vögeln, schlängelt sich der Straße entlang, glänzt auf den Dächern und in den Fenstern der Häuser. Alles scheint von ihm belebt und befruchtet. Ja, es drängt sich sogar der Eindruck auf, als wäre es eigentlich dieses fast schon unmerkliche, an der Grenze zur Unsichtbarkeit entlangwandernde Gespinst, welches die ganze Landschaft des Frühherbstes, die sich vor meinen Augen ausbreitet, geheimnisvoll miteinander verbindet und und zu einem Ganzen fügt.
Gäbe es ein Mittel, welches das göttliche Wirken so einzufärben vermochte, dass es vor aller Augen ins Sichtbare gezogen würde: Wir erschauten wohl staunend einen solchen in luftigstem Weiß aufsteigenden und alles umhüllenden, durchwirkenden Nebel...
Sonntag, den 18. September 2011
In den Alleen, die mich hinauf in den Schwarzwald führen, zerriss des Nachts Sturm die Wipfel der Bäume, welche stehen am Wegrand verstört und erschöpft und mit zerzaustem Haar. Die Straßen sind übersät mit dürrem Astwerk, das der Wind aus den Kronen gerissen.
Vor wenigen Wochen noch bin ich sommerlich jauchzend durch die von Renaissancepalästen gesäumten Prachtstraßen Genuas geschritten, durch ihre von tausendfachem Leben und Tod kündenden Altstadtgassen, und habe mich dabei in die reichsstädtischen Seelenschichten meiner Ulmer Kindheit gegraben, welche mir in jeder alten, von fernen Vergangenheiten zeugenden Stadt ein helles, heimatliches Empfinden zufließen lassen. Meine Gänge durch Genua haben mich wieder einmal spüren lassen, dass ich, seit mir im Münster das Taufwasser gereicht wurde, seit ich den morbiden Duft des Fischerviertels eingeatmet, seit ich in meiner Schulzeit die Kreuzgänge des Maulbronner Klosters täglich abgeschritten, womöglich mehr in Vergangenheit zu Hause bin als in der Gegenwart. Geologisch betrachtet ist das Erdreich meiner Seele durchzogen vom Granit der Gotik, von spätmittelalterlichem Lehm, vom Schiefer von Romanik und Renaissance, von barockem und reformatorischem Kalkstein.
Die Gegenwartssucht der heutigen Zeit, der das Veraltete überhaupt das Bedeutungsloseste unter der Sonne ist, die sich, für nichts anderes mehr echtes Interesse aufbringend, besinnungslos einschließt ins Gefängnis des Immerzu-Jetzt, ist mir vollkommen fremd. Für mich ist die Vergangenheit das die Unerschöpflichkeit des Geistes bezeugende Meer der Zeit. Die narzistische Gegenwart, dieser sich selbst als 'Höhe der Zeit' aufplusternde, sein lächerliches Rad schlagende Pfau, nimmt sich dagegen aus wie eine kleine, schmutzige Pfütze.
Freitag, den 17. September 2011
Die untergehende Sonne malt still ein Gelb mit einem Reichtum von Schattierungen und Gelbtönen in den Himmel, der mich sprachlos staunend zusehen lässt, ja sogar mit Trost beschenkt. Hocherhaben neigt sich der Tag über das Ameisengetümmel menschlicher Geschäftigkeit, über den Lauf des Alltags und seinen Kampf und Schmerz, über Oberflächlichkeit und Banalität und Hast und Ernst und Tränen. Aber in seinem Untergang lässt er mir zugleich ein mit Geheimnis angefülltes und zugleich augenzwinkerndes Lächeln zukommen, das mir mild und freundlich zu bedeuten scheint, doch dies alles, was heute geschehen, bitte, bitte nicht allzu ernst zu nehmen...
Dieses Millionen von Kilometern entfernte Gestirn, das in seinem blind-notwendigen Lauf eigentlich nur kältester Gleichgültigkeit für mich übrig haben dürfte, wird mir durch seine Schönheit plötzlich zu Hüterin und Hirt, lächelt mir zu wie die Mutter, wenn sie mich einst beim Schlafengehen in die Decken hüllte, offenbart sich mir in seinem sanften Glanz gleichsam als Christus-Sonne, bricht mir in meiner Trostbedürftigkeit das Christus-Brot.
Schönheit: Einer der Namen des Christus...
Donnerstag, den 15. September 2011
Früh erwacht. Verharrend schweigend auf meinem Kissen vernahm ich, wie die Nacht, wie eine fleißige Sekretärin ganz dem Rhythmus unermüdlicher Geschäftigkeit verhaftet, beim Anbruch des Morgens ins Haus trat und sich umgeben von stetigem Motorengeräusch langsam schlafen legte, ohne indessen zur Ruhe zu kommen. Ich fing an, still um sie zu weinen: Heruntergekommen wie sie ist und verarmt, trägt sie nunmehr ein abgerissenes Kleid aus schneidendem Licht und Lärm, die einstige Königin: Nein, nicht mehr ziemet es sich, ihr wie einst hölderlinisch Kränze zu weihn und Gesang...
„…das habt ihr mir getan." Plötzlich finde ich mich bei den gestern bewegten Gedanken wieder, treibe sie weiter in einem merkwürdigen Zwischenzustand von Halbschlaf und fiebrigem Bewusstsein, frage ich mich, ob ich nicht noch viel weiter hätte gehen müssen: Bedeuten diese wenigen Worte, wenn man ihnen (und warum nicht?) das Gewicht eines äußersten Ernstes zukommen lässt, nicht notwendig, dass Christus auch im Himmel sein Kreuz hat? Dass er vielleicht dorthin nur deshalb aufgestiegen ist, damit das Kreuz nicht einfach fortgeräumt werden kann, sondern aufgerichtet bleibe? So dass weiterhin, bis zum jüngsten Tage, im Sinne eines einzigen, großen Bewahrtwerdens alles
letztlich ihm getan bleibt, was Menschen einander tun und lassen?
Am Irrsinn entlangwandernde Gedanken. Als sich mein Bewusstseinsstrom wieder festigt und ruhiger dahintreibt im Flussbett klar geordneter Rationalität, bin ich denn auch zunächst geneigt, sie, wie man lästige Fliegen verscheucht, mit einer leichten Handbewegung des eigenen Gehirns zu verjagen. Die jähe Frage, ob nicht doch eine bis in den Irrsinn hinein sich verlierende Suche im Labyrinth biblischer Buchstaben (Jakob Böhme, Johann Georg Hamann) weiter vordringt als alle akademische Sterilität, lässt mich indessen innehalten und das Gedankenfieber im zittrigen Notat festhalten.
Mittwoch, den 14. September 2011
(Gedankenverloren über über den Wochenspruch der kommenden Woche sitzend:
„Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“)
Die Morgensonne hat an Kraft verloren, erhebt sich mühsam in den Tag wie ein alter Mann, der beim Erwachen seine unbeweglichen Glieder erst sammeln und vorsichtig zum Dienst ermuntern muss, bevor er die Bettstatt verlassen kann. Es fegt bereits herbstliche Kühle durchs zerschlissene Gewand des Sommers. Die Rose der sommerlichen Glut verblüht, lässt sinken die matt gewordenen Blätter ihres Kelches.
Der Reigen der Jahreszeiten: Flüstert er uns nur das ‚Alles fließt!’ des Heraklit zu? Ruft er uns lediglich in Erinnerung, dass alles kommt und vergeht und nichts auf Erden bleiben kann? Oder umtanzt er eine unsichtbare Mitte, einen geheimnisvoll-verborgenen König?
Ich weiß es nicht. Aber wahrscheinlich ist es dieser mir sich darbietende Reigentanz der Jahreszeiten, der mich heute diese tausendmal gelesene Zeile von Mt 25,40 anders als sonst entziffern lässt: Nämlich nicht einfach nur als Aufruf, sich täglich in die – gewiss unendlich wichtige – Pflicht des Mitmenschlichen einzuüben. Sondern als Enthüllung eines Geheimnisses…
„…das habt ihr mir getan“, sagt Christus. Wie, wenn dies nicht nur eine einfach so dahingesagte Redewendung wäre?! Wenn alles, was auf Erden geschieht und wir tun und lassen - eben ‚auch IHM’ geschieht?! Auch IHM getan und gelassen wird?! Und ich also über keine einzige Hand streichen könnte, ohne nicht zugleich SEINE Hand zu berühren, und kein Gesicht schlagen, ohne IHN zu treffen?!
Es würde bedeuten, dass wir nicht nur irgendein gesichtsloses ethisches Prinzip verletzen, wenn wir uns moralisch vergehen. Oder unpersönlichen moralischen Werten genügen, wenn wir uns vorbildlich verhalten. Prinzipien weinen nicht, wenn man sie verhöhnt. Und Werte jubeln nicht, wenn sie erfüllt werden. Sie schweigen. Und sie schweigen immer, egal ob man an ihnen scheitert oder nicht… (Und vielleicht ist das auch der geheime Glaube der Rücksichtslosen: dass dieses Schweigen der schikanierten Werte und Prinzipien bis in alle Ewigkeit anhalten wird.)
Aber ER weint. Und ER jubelt. ER, der in einer unausdenklichen Intensität mit uns verbunden ist. Und eines Tages, wenn wir unseren irdischen Reigentanz rund um Macht, Geld, Einfluss und Ego beendet haben, werden wir vor IHM erwachen. Und ER wird nicht schweigen, sondernuns mit fragenden Augen entgegentreten...
Wann werden unsere wie gefallene Aktienkurse weithin wertlos gewordenen Werte wieder an Wert gewinnen? Vielleicht wenn wir neu zu ahnen beginnen, dass wir dereinst höchstpersönlich Befragte sein werden. Befragte von einem, der noch dazu alles, was wir je getan und gelassen haben, im allerwahrsten Sinne des Wortes höchstpersönlich an sich selbst erfahren hat: „Das alles habt ihr mir getan“, wird uns Christus zuflüstern. „Alles!“
Sonntag, den 11. September 2001 Der Fall der Türme, zehn Jahre ist er nun her... Ich bin ihn bedenkend wieder auf einen alten Zeitungsartikel aus dem Jahr 2004 gestoßen, der von einem Besuch beim arabischen Dichter Adonis in Paris erzählt:
"Der Orient, sagt Adonis, habe sich selbst verloren. Er sei noch westlicher als der Westen. Ziehe man von Beirut, von Kairo, von Damaskus alles Westliche ab, bleibe überhaupt nichts mehr übrig: »Den Materialismus zu imitieren ist schlimmer, als ihn zu erfinden.« Ist also der Westen selbst da noch schuld, wo er angegriffen wird? Der Westen, sagt Adonis, hätte besser daran getan, den Orient in Heidegger und Baudelaire zu unterrichten als in Autos und Maschinen. »Man versucht den Menschen zu töten.« Von einem kulturellen Engagement in der Dritten Welt könne kaum noch gesprochen werden. Europa selbst sei zu alt, um dem globalen Materialismus zu widerstehen: »Ihr werdet alles verlieren.«
Nein, nicht Schadenfreude, aber doch eine wilde Fröhlichkeit – Novalis sprach vom »schmetternden Witz der Verzweiflung« –, ein sofort wieder an die Leine gelegtes glucksendes Lachen überfällt den Dichter manchmal aus heiterem Himmel. Er lebe bescheiden, im Abseits, im Herzen von Paris, »der Erde so nah wie möglich«, kein Fleisch, kein Fernsehen, kein Fast Food. Dennoch liebt er New York! Eine junge Stadt, die Stadt unserer Zeit! Liest man heute sein Gedicht über New York aus dem Jahr 1971, reibt man sich die Augen. Dort ist von Menschen die Rede, die wie Pflanzen in gläsernen Gärten leben und wie Staub in das Gewebe der Leere getaucht sind. Von Opfern, zu Spiralen verzerrt, von zwei Flügeln und einem Wind, der ein zweites Mal aus dem Osten weht und die Wolkenkratzer entwurzelt, von einem dritten Weltkrieg, der in Manhattan entfacht wird. Es ist, als hätte er den 11. September vorausgeahnt. Können Gedichte prophetisch sein?
Das lässt - gerade auch mit Blick auf die jüngste Demokratiebewegung im arabischen Raum - wenig Hoffnung aufkommen. Wenn Adonis' Einschätzung des Orient richtig ist - und ich sehe mich nicht in der Lage, ihm zu widersprechen - dann wäre die Parallele zur arabischen Revolution jener Widerstand der Massen, der in Deutschland zum Fall der Mauer geführt hat. Die Mehrzahl der Menschen, die damals protestierten, hat - so muss man es wohl im Rückblick sagen - kaum für demokratische Werte und Würde gekämpft, sondern in erster Linie für Reisefreiheit und einen höheren Lebensstandard. Beides sah man in der ehemaligen DDR nicht für verwirklichbar. Die Entscheidung gegen das System war - sicher nicht in der Elite, aber in der breiten Bevölkerung - vor allem motiviert vom Wunsch nach Kommerz.
Wenn nun Ähnliches für die arabische Welt gilt, dann hätten wir indessen den Materialismus noch immer nicht hinter uns, sondern nur globalisierter vor uns...
Aber wann könnten wir endlich auf die materialistische Wüste zurückblicken?
Den europäischen Geist, den er doch unendlich liebt (Novalis, Nietzsche, Heidegger!), hält Adonis schon zu alt, um von ihm geistige Impulse erwarten zu können, die einem 'Jenseits des Materialismus' zuströmen. Dann aber stellt sich die Frage um so dringender, an welchem Horizont überhaupt die Sonne dieses Jenseits erwartet werden kann: Die alte Frage, wie es möglich ist, geistigen Verirrungen aus einer neugewonnenen geistigen Haltung hinter sich zu lassen. (Die Debatte zwischen Jünger und Heidegger 'über die Line', wo und wie und wann der Kelch des Nihilismus endlich ausgetrunken sei.) Sie ist uralt: Schon die Vision des Jesaja, über die ich heute gepredigt habe, sehnt eine Zeit herbei, in welcher
die Tauben hören ...und die Augen der Blinden (sehen) aus Dunkel und Finsternis... und die, welche irren in ihrem Geist, ... Verstand annehmen. (Jes 29,24)
Was wären die Bedingungen der Möglichkeit einer solchen Zeit? Eine weit in die Vergangenheit zurückreichende (und auch in der alttestamentlichen Prophetie sichtbare) Strömung sieht in der Erfahrung der Katastrophe den entscheidenden Quellgrund. (Aber hätte dann nicht nach dem letzten Weltkrieg die Wende kommen müssen?) Anderes, aufklärerisch gesonnenes Denken hofft auf die Selbstheilungskräfte des menschlichen Geistes. (Aber wann und wo und wie sollen die sich endlich entfalten?) Letztlich zeigt sich im Tasten nach Antworten, dass wir blind sind, dass uns der Blick hinter den Vorhang verwehrt ist: Die Heraufkunft dieser 'neuen Zeit' bleibt uns ähnlich verborgen wie der Schwangeren das Wachsen des Kindes in ihrem Leib...
Vielleicht deshalb, damit uns nicht anderes bleibt als - wiederum wie eine Schwangere - 'guter Hoffnung' zu sein. Dann bestünde der entscheidende Fehler der Glaubenskrieger, denen wir diesen furchtbaren Jahrestag 'verdanken' (und auch ist schon immer ein alter Fehler aller Glaubenskrieger gewesen) darin, diese Zeit nicht erwarten, sondern erzwingen zu wollen. Ja, genau an dieser Stelle würde sogar ein geheimer Atheismus der angeblich gottinspirierten Terroristen sichtbar: nämlich - theologisch gesprochen - im Verzicht auf Pfingsten.
Dienstag, den 16. August 2011 Auf dem Weg zum Burda-Museum in Baden-Baden spricht mich ein Amerikaner an und fragt mich nach dem Weg zur Neo-Rauch-Ausstellung. Ich entbiete ihm, mich einfach dorthin zu begleiten. Der ältere Herr - er gibt sich kurz darauf als aus New York kommend zu erkennen - nimmt mein Angebot dankend und kurz darauf befinden wir uns in einem regen Gespräch über die Kunst im modernen West- und Ostdeutschland.
Als er mich schließlich fragt, was ich denn beruflich täte, zeigt er sich freilich über meine Antwort erstaunt: als hätte ich vor, mich an einem Ort aufzuhalten, an dem man alles und jeden, nur nicht einen Pfarrer vermuten würde. Ja, als wäre ein solches Museum für religiös Gebundene und erst recht für kirchlich bestallte Amtsträger eine Art Bordell, nur dass dort nicht der fleischlichen, sondern der geistigen Unzucht gehuldigt würde.
Der hinter einem solchen Erstaunen stehenden Überzeugung, dass eine Intellektualität, die sich jedes Fragen in jegliche Richtung erlaubt, unmöglich mit Religiosität und - noch unmöglicher - mit Theologie zusammengehen kann, begegne ich regelmäßig. Als ob ein Denken Gottes immer nur in unhinterfragbare Antworten münden könne: Als müsste es nicht umgekehrt dem radikalsten Fragen zuströmen, das es überhaupt geben kann...
Dass eine solche Möglichkeit noch nicht einmal erwogen wird, liegt freilich nicht nur an einer Borniertheit bestimmter intellektueller Kreise, sondern auch an kirchlichen Tendenzen, sich in geistig eher begrenzten Provinzen einzurichten: Es gibt (wachsende?) Kreise auch in den großen westeuropäischen Kirchen, in denen die Ausstellung eines modernen Künstlers in der Tat als geistiger Rotlichtbezirk empfunden wird.
Mittwoch, den 10. August 2011 In strahlendem Licht Rückkehr sommerlicher Ahnungen nach Tagen, in denen schon an den Herbst gemahnende Winde kühl und nass das Regiment übernommen hatten. Nur wenige Wolken malen sich mit zart-weißen Einsprengseln in ein Meer eines geradezu barocken Himmelsblau. In den Händen habe ich zwei Seiten zum Predigttext des vergangenen Sonntags, die mir am Ende des Gottesdienstes scheu überreicht worden sind. Diese Gedanken-Blätter gehören zu einem inzwischen regelmäßig wiederkehrenden Ritual, in dem sich ein besonderes Gespräch Gestalt gegeben hat: von Einsamkeit zu Einsamkeit sich spannend und - trotz aller Unterschiedlichkeit der Gedankenkreise - in einem 'Einverständnis', das sich auf dem Wege einer bloßen 'Unterhaltung' nie einstellen würde. Keine Gefahr des Zerredens: Es genügt zu wissen, dass das, was da in der Stille geboren worden, in eben solcher Stille vernommen wird...
Freitag, den 5. August 2011 Gottesdienst im Wartesaal des Altersheimes (vielleicht der einzige Ort in westlich-saturierten Gefilden, der sich noch 'Kirche' nennen darf). Sterbebetten. Trauerhäuser: Es ist das Privileg des Pfarrers, regelmäßig jene Zonen des des menschlichen Daseins abzuschreiten, welche die blühend im Leben Stehenden, die fröhlich-sommerlichen Biergartenbesucher, lediglich für 'Ränder' zu halten geneigt sind. Ein solches Entlangschreiten, durch das man einer solchen Illusion entnommen wird, taugt indessen nicht für das wissend-überlegene Lächeln der Auguren. Es treibt vielmehr fernab von allem großtuerischem Gehabe in die Nähe von Luthers letztem Bekenntnis 'Wir sind Bettler, das ist wahr.'
Es war nie anders. Und es wird auch nie anders kommen, selbst wenn die Möglichkeiten steigen werden, dem Strudel der Zeit zu trotzen, der uns Richtung Tod zieht.
Eine moderne Fassung dieser Einsicht - könnte es je eine höhere geben? - habe ich vor kurzem bei Jaccottet (wieder-)gelesen:
„Schlaflosigkeit: mit Schaudern an manche Menschenleben gedacht, deren Verlauf ich seit meiner Kindheit ganz in meiner Nähe sah, die mir zunächst beinahe heldenhaft, jedenfalls glänzend erschienen und die in der ausweglosen Not der Krankheit zu Ende gehen. Männer, die so selbstsicher waren, so voll eitlen Stolzes irgendwelcher Ehrungen wegen, und die zu einem Häufchen Elend zusammensinken.” (Fliegende Saat)
Mittwoch, den 27. Juli 2011 Während draußen düstere Gewitterwolken herangrollen, um sich über Schömberg zu ergießen, nehme ich ein eher beiläufig gekauftes Buch zur Hand, Arnold Stadlers Erzählung 'Salvatore' - und sehe mich im nächsten Augenblick in meine Kindheit zurückversetzt: Wie Salvatore habe ich Pier Paolo Pasolinis Film 'Das 1. Evangelium - Matthäus' als ein Ureignis erlebt. Zweifellos hat sich in der Erschütterung, welche die Eindrücke dieses Films in mir, einem vielleicht Zehnjährigen, ausgelöst hat, die Geburt meines theologischen Sinnes vollzogen. Die Ahnung auch, dass in der Christusgestalt etwas Still-Ungeheuerliches unsere Welt berührt und gezeichnet hat, hat mich seitdem nie wieder verlassen... Berührt lese ich auch Arnold Stadlers Widmung:
"Noch ein Buch der Sehnsucht. Für die mit der Sehnsucht nach dem ganz Anderen."
Freitag, den 22. Juli 2011 Über vier Wochen lang ist dieses Tagebuch ins Schweigen verfallen...
Gewiss, seit meiner Rückkehr aus Italien ist der Fluss der vergangenen Tage so reissend geworden, dass ein Innehalten - und das Schreiben eines Tagebuchs ist immer ein Akt des Innehaltens - fast nicht möglich war. Aber dies war nicht allein der Grund: So wenig wie man in einem Gespräch nur dann ins Schweigen gerät, wenn pausenlos auf einen eingeredet wird, so wenig ist immer nur der Ansturm der Ereignisse daran schuld, dass man sich nicht niedersetzt zum Schreiben, um die Schmetterlinge der Stunden einzufangen.
Es gibt vielmehr ein weitergehenderes Innehalten im Inneren: Es gleicht den langsam von Ufer zu Ufer, immerfort hin und zurück, dahingleitenden Fähren, die dort geduldig warten, bis die einen das Schiff verlassen haben und die anderen es betreten. Es gleicht jenen langanhaltenden Gesprächspausen, die jeden tiefergehenderen Dialog unterbrechen. Das notwendige Schweigen zwischen Wort und Antwort, weil es in solchen Gesprächen Zeit braucht, um Worte einerseits aus den tiefer liegenden Seelenschichten ins Bewusstsein zu holen und andererseits das Vernommene dort einzusenken. Die Pause in der Musik, die unabdingbar ist, damit der nächste Ton die Zeit erhält, die er braucht, um überhaupt
ankommen zu können...
Schweigen, dieses Empfangen und Austragen von Worten und Ereignissen, hat darin etwas von Schwangerschaft an sich. Auch dahingehend, dass die Vorgänge im eigenen Inneren zwar zu spüren sind, aber gleichwohl etwas Unfassbares an sich haben: Das Kind werden wir erst sehen können, wenn es geboren ist...
"Und so ist unser erstes Schweigen: / wir schenken uns dem Wind zu eigen, / und zitternd werden wir zu Zweigen / und horchen in den Mai hinein. / Da ist ein Schatten auf den Wegen, / wir lauschen, - und es rauscht ein Regen: ihm wächst die ganze Welt entgegen, / um seiner Gange nah zu sein." (Rilke)
Samstag, den 11. Juni 2011 Der ungeheure Grad an Faszination, der von neuen technischen Geräten ausgeht: Kinder und Jugendliche, würde ihnen nicht Einhalt geboten, verbrächten ganze Tage in den virtuellen Welten der Elektronik, um deren Möglichkeiten zu erkunden. Und die Erwachsenen, ganze Heerscharen von Forschern, beschäftigen sich, als wären Menschen so etwas wie Uhren, mit der Frage, '
wie die Leute ticken'... Heidegger hat recht, wenn er die Zivilisation der Technik mit geradezu magischer Macht ausgestattet sieht und von 'Bezauberung', ja 'Behexung' spricht, mit dem
"alles auf Berechnung, Nutzung, Züchtung, Handlichkeit und Regelung drängt." (Vom Ereignis, S. 124) In seinem höchsten Zenit, so Heidegger, sei dem technischen Sinn eine solch selbstverständliche Evidenz eingesenkt, dass keine Möglichkeit mehr besteht,
"um die Verzauberung noch eigens zu spüren und gegen sie sich zu sperren." (ebd.) Darum auch das vollkommene Unverständnis (allenfalls ein bedauernder Augenaufschlag), das einem Anders-Denken entgegengebracht wird, welches sich im Blick auf die wesentlichen Fragen des Lebens keine Antwort von Zahlen, Berechnungen und statistischen Erhebungen verspricht, sondern darin nur ein Ausweichen, eine Flucht ins Besinnungslose erblickt.
Gestern ein langes Gespräch mit D., welches, nachdem wir über nachmittäglich Examensklausuren und Noten gebrütet, zunächst manche Ratlosigkeiten, Hölderlinsches
'Aber Freund, wir kommen zu spät' beschwor, um schließlich in die Gewissheit einzumünden, dass kein falscher Zauber ewig währt...
Nein: Wenn ich heute morgen aufbreche, ist es keine Flucht: Aber ich gestehe, dass ich mich unbändig freue auf die Sonne Italiens und toskanische Hügel, auf Pflastersteine und Mauerwerk - ich will ihren Geruch einatmen - der alten Straßen und Häuser, auf schweren, nach Mandeln und Rosinen und Johannisbeeren duftenden Wein, auf das Lächeln der Oliven und Pinien - und auf Poesie, auf noch immer ungelesene Bücher und auf alte, mich lange schon begleitende alte Freunde. Während ich diese letzten Zeilen schreibe, erhebt sich draußen wie eine Verheißung der den Morgen empfangende Gesang der Amseln.
Sonntag, den 5. Juni 2011
"Eines nicht zu fernen Tages werden die besten Köpfe nicht mehr erkennen wollen, was zuvor noch kein Mensch erkannt hat. Sie werden vielmehr von der Neugier gepackt, erkennen zu wollen, was einst der Mensch
erkannte." (Botho Strauß)
Rückwärts gewandte Neugier: Wahrscheinlich macht sie die Substanz jeder Religiosität aus. Und wahrscheinlich ist dies auch der Grund, dass eine Zeit, für die - auch auf dem Feld der Erkenntnis - nur das zählt, was mit dem magischen Glanz des Neuen auftritt, mit einer aus Uraltem schöpfenden Religiosität nichts anzufangen weiß: Sie vermag in einer solchen Rückwärtsgewandtheit immer nur die Rückständigkeit zu erblicken: jenen Konservativismus, dem es nicht gelingen will, 'auf der Höhe der Zeit' zu sein.
Mit Konservativismus indessen hat solche Neugier nichts zu tun. Denn existentielles Erkennen lässt sich nicht 'konservieren', so wenig wie die Bibel den 'Wissensstand' verkörpert, den der Mensch vor 2000 Jahren im Blick auf Gott erreicht hat. Vielmehr gilt sowohl für eine Epoche wie für den einzelnen Menschen: Die Vergangenheit geht nie als Verfügmasse in den Besitz über. Was man einmal wusste, kann verloren gehen. (Deshalb Goethe:
„Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Die Vergangenheit: Genau besehen ist sie ebenso unbekanntes Land wie die Zukunft. Wenn man also heute alles vom Neuen erwartet, durch das die unbekannte Zukunft in die Gegenwart hineinragt, so liegt das an einer Art Magie, der wir verfallen sind:
"O ihr unverständigen Galater, wer hat euch verzaubert?" (Gal 3,1) Vielleicht für die heutige Zeit die Frage aller Fragen...
Sonntag, den 29. Mai 2011 In grauem Weiß schweigend heraufdämmernder Morgen. Die Sonne: verschwommen, zart zurückgenommen hinter feinen Wolkenschleiern. Sie wirkt zu dieser frühen Stunde noch so unwirklich, dass ich mich beim Blick aus dem Fenster an die fragenden, zweifelnden Bildlandschaften Gerhard Richters erinnert fühle. Alles fließt. Unser irrsinnig sicheres Dahinschreiten durch die Zeit auf scheinbar so festen Gründen. Am heutigen Tag werden einige Jungen und Mädchen den Aufbruch aus der Kindheit feiern und hierfür den göttlichen Segen erbitten...
Gedanken an die Schlusszeilen von Hölderlins 'Lebenslauf': Diese - trotz aller Absage an jeglichen Glauben, welcher fürs Leben nur 'billige' Bewahrung erhofft und erbittet - das Leben als Gottesgeschenk feiernden Zeilen:
"Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will." Mittwoch, den 25. Mai 2011 Besuch bei H., der gerade einmal noch seinen Namen kennt. Nicht indessen weiß, wann er geboren ist und wieviel Kinder er hat. Nichts weiß von früherer Heimat und und wie er hierher kam. Sein Geist: ein von allen Erinnerungen verlassenes Haus mit zerschlagenen Fenstern und eingebrochenem Dach, durch das der Wind pfeift. Verszeilen von Konstantin Kavafis:
Die Tage der Vergangenheit bleiben hinter uns,
Eine traurige Reihe abgebrannter Kerzen,
Die letzten rauchen noch,
Kalte Kerzen, geschmolzen und krumm .
Aber immerfort lacht H. mich an, während er auf mein Fragen hin Erinnerungen zu fangen versucht wie ein Kind, das Schmetterlingen nachjagt und juchzt bei jedem vergeblichen Griff nach den flatternden Faltern. Ich sehe in lachende Augen, während ich abgebrannte Kerzen im Sinn habe.
Dienstag, den 24. Mai 2011 Draußen schon seit Wochen frühsommerliche Fülle, als wollte dieses Jahr den Drahtseilakt des Frühlings - den Kapriolentanz zwischen wärmender Sonne und winterlichem Frost - aufs Notwendigste begrenzt wissen. Schon längst verflogen der dunkle, schwere Duft der violetten Fliederblüten, an dem ich mich seit Kindheitstagen Jahr um Jahr berausche. Die Fülle geht indessen mit Mangel einher: Trotz einiger heftiger Gewittergüsse, die über ihr niedergingen, schreit die trockene Erde nach Wasser.
Dialektik von Fülle und Mangel... Noch nie gab es bei uns eine Generation, die so reich mit materiellen Gütern ausgestattet, gleichwohl von so durchdringender Angst vor jedweder Zurücksetzung und Benachteiligung beherrscht ist: Als hätten wir in Hungerzeiten zu leben. Als müssten wir, während wir zäh kämpfen um das, "was uns zusteht", über den verbliebenen kärglichen Reste schützend die Hände erheben schon vor den neidischen Blicken der anderen...
"Alles habend alles wissend seufzen sie: / 'Karges leben! drang und hunger überall! / Fülle fehlt!" (Stefan George).
Fülle zu b e s i t z e n, bedeutet keineswegs, aus ihr auch zu l e b e n.
Freitag, den 13. Mai 2011 "Dann über »Auferstehung«. Daran hatte ich kaum je einen Zweifel - im Gegenteil: diese unsere innerzeitliche Existenz kam mir mit der Zeit immer unwirklicher, dünner, schattenhafter vor." Ich kann mich schon an keine Osterzeit mehr erinnern, in der mir diese von Ernst Jünger geschilderte Erfahrung nicht ähnlich widerfahren wäre: Draußen blüht das Gras, blühen Sonne und Regen und Wind, blüht der Schatten zwischen den Häuserwänden, die Sternennacht über dem Bodensee, das Flußufer der Saar an steil aufragenden Schieferhängen: Und trotzdem scheint alles mir insgeheim wie der Finger des Täufers vom Grünewaldaltar von sich weg zu weisen auf ein anderes, unsichtbares, aber gleichwohl tausendmal wirklicheres Leben. Schatten und See, Wind und Gras - das alles ist Wink im Sinne Stefan Georges:
"UND WINKE SIND VON ALTERS HER DIE SPRACHE DER GÖTTER." Mittwoch, den 27. April 2011 Nach strahlend-blauen Ostertagen ist der Himmel heute bedeckt, verhüllt sich die Sonne in grauem, schalem Licht. Und als wollte er den Auferstehungsfeiern rasch seinen eigenen Kommentar zukommen lassen und in Erinnerung bringen, dass er keineswegs verschwunden sei, hat sich auch der Tod zurückgemeldet: Zweimal werde ich diese Woche im schwarzen Gewand auf dem Friedhof stehen, um Verstorbenen das Grabgeleit zu geben und Trauernden Trost zu spenden...
Keine Frage: Im Angesicht des Schmerzlichen kann es hier auf Erden Auferstehungsgewissheit nur verhüllt geben. Wir wandeln – mit Paulus gesprochen – im Glauben, nicht im Schauen.
„Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?“ (Römer 8) Sprich: Wenn es für uns etwas zu
sehen gibt, dann ist es die Allgegenwart des Sterben-Müssens. Dann ist es der Tod, der uns durch tausend Ritzen im gebrechlichen Mauerwerk des Irdischen grüßend anblickt. An die Auferstehung zu glauben, bedeutet indessen keineswegs, die Augen nun vor diesem Gruß zu verschließen. Sondern ihn österlich zu erwidern: Indem man die scheinbar unendliche Wüste des Todes wie eine Insel noch einmal umspült sieht von einem weit unermesslicheren Ozean, welcher ‚ewiges Leben’ heißt. Diesen Ozean sehen wir zwar nicht. Aber wir hören ihn rauschen in jedem einzelnen Wort des auferstandenen Christus. Und wenn wir uns in dieser Hinsicht weit mehr auf unser Ohren als auf unsere Augen verlassen würden, erhellte uns womöglich jene nur noch österlicher Inspiration vertrauende Einsicht Léon Bloys:
„Wenn wir wissend wären, so würde uns diese Entkleidung durch den Tod nicht bedeutsamer erscheinen als das Abfegen einer dünnen Staubschicht auf einem kostbaren Möbelstück.“
Samstag, den 23. April 2011 Karsamstag. Der Literaturwissenschaftler George Steiner hat diesen Tag zwischen Karfreitag und Ostern als epochales Ereignis gedeutet, als jenen Zeit-Raum nämlich, in dem sich die Moderne befinde: Der Karfreitag liegt bereits hinter uns und wir halten auf in seinem immer länger werdenden Schatten, ohne dass der Morgen der Auferstehung auch nur von ferne grüßen würde. Der Nietzsche beschworene Tod Gottes ist also eingetreten. Damit ist - wohl schon von Nietzsche - keineswegs gemeint, dass das Element des Religiösen einfach vom Erdboden verschwindet, dass keine Gebete mehr gesprochen, keine Gottesdienste gefeiert würden. Der Tod Gottes ereignet sich vielmehr durch dessen Marginalsierung: Das Religiöse ist nicht mehr die e i n e große, über dem Leben des Menschen aufgehende, ihm Licht und Kraft spendende Sonne. Sondern es ist nur noch ein Seitenstrom. Ob dem mehr oder weniger Beachtung zukommt, er mehr Wasser führt oder nur noch kümmerliches Rinnsal ist, ändert an seiner Stellung im Ganzen nichts. Ob von Religion begleitet oder nicht: Die große Lebensströmung fließt nicht mehr dem Meer des Göttlich-Transzendeten zu. Der Mensch hört den Ruf des Jenseitigen nicht mehr, sondern verharrt in der Höhle des Diesseits, richtet seinen Sinn einzig darauf, auszumalen deren Wände mit irdischen Sonnen und Sternen. Dem korrespondiert, dass den Gottesdiensten - und zuweilen bis ins Absurde hinein - etwas Mühevolles innewohnt: In ihnen wird nach Verständnis gescharrt für die großen Dramen des Göttlichen wie in der Wüste nach Wasser: Am Ende ist man dankbar für jeden Tropfen Nass, das dem dürren Erdreich abgerungen werden kann...
Steiners Sicht besticht durch ihre diagnostische Tiefe, die im Blick auf Frage nach dem entscheidenden Richtungssinn der Geschichte das schale Gegenüber der beiden gängigen Hypothesen hinter sich lässt: Weder hält sie kurzschlüssig durch das in den vergangen Jahren weltweit sichtbare Wiederentzünden der religiösen Flamme den Fortgang der Säkularisation für beendet. Noch lässt sie es sich nehmen, die Bewegung der Säkularisierung ihrerseits entschieden als Gottesgeschichte zu verstehen. Aber ob man Steiners Deutung nun folgen mag oder nicht: Sie hält sich jedenfalls in jener kosmischen Dimension auf, in welcher das Geschehen um Karfreitag und Ostern anzusiedeln ist - wenn es denn nicht nur ein karges Ereignis
innerhalb der Geschichte darstellen soll, also Tage bezeichet, die in der Tausend und Abertausend anderer Tage untergehen wie das einzelne Sandkorn inmitten weiter Dünen: Sondern eben begriffen wird als etwas, was die alten grundlegenden Pfeiler von Zeit und Ewigkeit umstürzt, um unumstürzlich neue zu setzen.
Steiners Deutung der Geistesgeschichte zeigt, auf welcher Ebene Theologie sich eigentlich zu bewegen hat. Und schon allein dafür ist ihm heutzutage zu danken.
Sonntag, den 17. April 2011 Welche Stellung soll die Kirche gegenüber der Moderne einnehmen? Das war im Grunde die Frage, die am vergangenen Mittwochabend über das ganze Gespräch mit dem Rottenburger Domkapitular schwebte..
Ortega y Gasset hat einmal im Blick auf die Kunst die vermeintlich eindeutige Parole ausgegeben:
"Wir haben den Arbeitsimperativ zu akzeptieren, den unsere Epoche uns auferlegt. Gehorsam gegen den Befehl der Zeit ist die einzige Wahl, die das Individuum hat." Sie hilft indessen nicht weiter. Denn selbst wenn man diesen Standpunkt nicht nur übellaunig akzeptiert und also das von der Zeit auferlegte Diktat hinnimmt wie der Sklave die Befehle seines verhassten Herrn, sondern im vollen Bewusstsein bejaht als etwas Ureigenes, kommt man nicht umhin festzustellen, dass 'die Zeit' keineswegs einem Imperator gleicht, der quasi nur einen einzigen Befehl ausgibt, dem alle gleichermaßen sich zu unterwerfen hätten. Die Zeit ist vielmehr ein Schriftsteller, der für sein Theaterstück, das hier und jetzt zur Aufführung kommt, vielerlei Rollen vorgesehen hat. Und die besondere Schwierigkeit dabei ist, bei diesem Schauspiel die eigene Rolle zu erkennen.
So betrachtet befindet sich die gegenwärtige Kirche in der kafkaesken Situation eines Schauspielers, der sich urplötzlich vor vollbesetztem Haus auf der Bühne wiederfindet, ohne dass ihm je mitgeteilt worden wäre, welche Rolle in welchem Stück er zu übernehmen hat: Er sieht sich anderen Akteuren gegenüber, ohne zu wissen, wem er entgegenzutreten und an wessen Seite er sich zu stellen, wem sein 'Ja' und wem sein 'Nein' zu gelten hat. Und so sucht er sein Heil in der vermittelnden Position eines 'Ja, aber...', wird aber im Fortgang des Schauspiels immer stärker von der Ahnung beschlichen, dass gerade diese Rolle am allerwenigsten ihm zugedacht war, ohne jedoch Klarheit über seine eigentliche Aufgabe zu gewinnen...
Nur eines - und auch dies hat mir der Mittwochabend einmal mehr verdeutlicht - steht unübersehbar vor aller Augen: Die Zeit der Amts-Kirchen ist definitiv abgelaufen und alle Versuche die Kirchen wiederzubeleben, indem man theologisch für die Institution neue Weihen beschwört, bedeutet nichts anderes als das beschleunigte Ausheben ihres Grabes.
Donnerstag, den 7. Apil 2011 Wahrscheinlich hat Leopardi bereits 1823 im Blick auf das<i>Warum</i>der gegenwärtigen Todesverdrängung am tiefsten gesehen:
"... kann man sagen ... je mehr das Leben der Menschen dem Tod ähnelt, desto mehr wird der Tod gefürchtet und gemieden." Und nicht nur dies: Leopardi lässt auch verstehen einerseits den beinah überall mit Händen zu greifenden unstillbaren Hunger nach Leben. (Nicht von ungefähr ist 'lebendig' das höchste Attribut, das einem Vortrag, einer Veranstaltung, einer Gruppe, einer Gemeinde, einer Kirche zugesprochen werden kann!) Und andererseits, weshalb sich gerade die großen Poeten des 20. Jahrhunderts - an ihrer Spitze Eliot und Beckett, jedoch nicht nur sie - von der unablässig lebendig sich gebenden Moderne nicht täuschen ließen, sondern umgekehrt der Inspiration durch Dantes Inferno vertrauend über ihrer Zeit nur die dunklen Monde von Stillstand, Grab und Verwesung stehen sahen... Ein einziger Satz eines Sehenden vermag tiefer in die Abgründe einer Zeit zu schauen als ganze Stapel blinder Bücher.
Draußen schwindet ein schon beinah sommerlich sich gebender Frühlingstag über aufbrechenden Knospen und Irrsinn: Ich habe heute gesehen wunderbar weiße, Sonnenlicht trinkende Blüten. Und einen zart-zerbrechlichen Kinderkörper still um Leben ringend unter den verdunkelten Augen von Vater und Mutter. Vielleicht werde ich diesen Tag nun beschließen mit Poesie, die von beidem weiß.
Montag, den 4. April 2011 Gespräch mit D., noch kurz in den Vorhöfen des Oberkirchenrats verweilend, über den Abstieg der Predigtkultur. D. beklagt gar nicht einmal den Mangel an Intelligenz, sondern eine Verfallenheit an Harmoniesucht: die Gedanken plätscherten, jegliche Anstößigkeit vermeidend, weich und warm dahin wie das sanfte Wasser in den Brunnen der Wellnesstempel...
Von Stuttgart nach Hause kommend öffne ich eine sehnlichst erwartete Buchsendung: Schon seit Jahren habe ich versucht, der vergriffenen 'Teegedanken' Guido Ceronettis habhaft zu werden. Nun habe ich sie endlich in einem Tübinger Antiquariat aufgestöbert. Einen ersten Blick in das kleine Bändchen hineinwerfend lese ich: "
Wenn man mit Gott nicht kämpft, ist Gott tot. Wenn man mit einer Frau nicht kämpft, ist die Frau tot. Wenn man mit dem Wort nicht kämpft, ist das Wort tot. Wenn man mit dem Haus nicht kämpft, ist das Haus tot. Wenn man mit dem Brot nicht kämpft, ist das Brot tot." Freitag, den 1. April 2011 Frühlingshimmel, der friedlich, harmlos und heiter gestimmtes Licht über die ersten zarten, sonnenhungrigen Knospen der Bäume ausgießt. Gleichzeitig hat er aber für mich etwas Unwirkliches, ja Trügerisches, als ob ihm nicht zu trauen wäre. Vielleicht liegt es an etlichen schweren Gesprächen der vergangenen Tage. Daran, dass ich deshalb deutlicher als sonst empfinde, dass diesem Lichtblau, so wunderbar es auch sein mag, eine große Gleichgültigkeit innewohnt: Es ist eben dieser Himmel, der aufgeht über Böse und Gute, über Glück und Schmerz der Menschen. Eben dieser Himmel, der sich von nichts beirren lässt und seinen Strahlenzauber zelebriert , auch wenn er tausendfaches Sterben bescheint. Kein Schmerz der Welt wird ihn dazu bringen, seine hellen Farben auch nur ein wenig zu verdunkeln, zu vertiefen: niemals wird er sie mischen mit Tränen... Auch im Himmel zeigt sich so das Wesen der Natur, immer nur das zu sein, was sie gerade ist. Sie kennt - auch das bringt Japan uns wieder ins Gedächtnis - keine Barmherzigkeit, kein Mitleid.
Ich will mich nicht darüber beschweren: Denn jede Art von Beschwerde ist im Grunde eine Form von menschlichem Narzissmus. (Warum auch sollte die Natur nur dazu da sein, es dem Menschen in jeder Hinsicht 'recht zu machen'?) Aber heute ist es dieses furchtbar Gleichgültige, das mich daran hindert, Sonne und Licht einfach fraglos-dankbar in Empfang zu nehmen.
Freitag, den 25. März 2011 In den letzten Tagen wiederholt den so unverdient vergessenen Max Picard gelesen. Selbst in seiner Heimat erinnert man sich nicht mehr an ihn: In Schopfheim trägt gerade einmal ein Altenpflegeheim seinen Namen. (Auch dies freilich ein bezeichnender Vorgang, dass sein Name gerade einmal für Seniorenresidenzen, für die letzte Heimstätte der Bald-Vergehenden noch taugt.)
Indessen: Zuweilen wird einer vergessen, nicht weil er zu wenig, sondern weil er - bis ins Unerträgliche hinein - zu viel zu sagen hat.
Mir ist, als würden wir in den vergangenen Tagen umherirren zwischen Hoffen und Bangen und dabei einmal auf die eine und dann wieder auf die andere dieser beiden grundlegenden Einsichten Picards gestoßen:
„Der Mensch ist mehr geschützt, als er weiß, es wird ihm mehr zugedeckt, als er selbst zudecken könnte. Ein großes Vor-Verzeihen ist über allem Tun des Menschen. Wie viel Schreckliches geht von morgens um 6 Uhr, wenn er aufwacht, bis zum Abend um 10 Uhr, wenn er einschläft, durch die Seele und durch den Geist des Menschen hindurch. Der Mensch ist nicht imstande, alles Schreckliche zu tun, er ist geschützt gegen sich selber. Wir sind mehr gerettet, als wir wissen.” (Aus: Der Mensch und das Wort)
„Die Welt ist schon untergegangen und ich kam mir von jeher wie ein Revenant vor. ... Ich habe Dir, glaube ich, einmal geschrieben, dass die Welt nicht einmal die Gnade hat durch Gott unterzugehen, sie geht durch sich selbst unter, das ist die höchste Anmassung.” (Aus: Nacht und Tag)
Donnerstag, den 17. März 2011 Diese Tage sind Wanderungen entlang der Ränder apokalyptischer Zonen: Noch ist offen, ob und wie tief uns der Weg hinein führen wird in ein 'Waste Land', wo alles verseucht ist: Luft, Landschaft, Regen, Reis, Seen, Flüsse, Meere...
Ich erinnere mich - etliche Jahre ist es her, ich weilte noch im Ludwigsburger Pfarrkonvent - der Begegnung mit dem inzwischen berühmten Karlsruher Philosophie- und Medienzauberer. Der legte uns Theologen damals nahe ebenso gelehrt wie eloquent, doch endlich der gesamten apokalyptischen Literatur der Bibel, vornehmlich der 'Offenbarung des Johannes', den Abschied zu geben, sie in den theologischen Ruhestand zu schicken oder am Besten sogar über sie das 'Requiem aeternam' anzustimmen, um sie unwiederruflich sterben zu lassen. Damit sei dem allen von Seiten der Kirche genug Ehre angetan. Er selber erblickte darin lediglich Folterkammern des Geistes, die man endlich ebenso zu beerdigen habe wie die Abstrusitäten des Mittelalters...
Das alles stellte er als Empfehlung dar, damit die Theologie sich auf 'der Höhe der Zeit' begebe. Ich bin mir allerdings sicher: für den Zauberer aus Karlsruhe wird in Wahrheit keine Theologie je dort ankommen, selbst wenn sie seine Ratschläge befolgt. (Hinter solchen Empfehlungen verbirgt sich ja auch nur ein gänzlicher Mangel an theologischem Sinn.) In diesen Tagen zeigt sich indessen, wie schnell auch die geistigen Verhältnisse umschlagen können - und wer plötzlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist...
Dienstag, den 15. März 2011 Seit Tagen immer bedrängendere Bewahrheitung jenes Wissens, das wir - wie lange schon? Seit wir vor den Toren des verlorenen Paradieses umherirren? - tief in uns bergen gleichsam in Seelenkammern, welche jedoch kaum einer zu betreten wagt. An denen wir vielmehr mit abgewandtem Blick vobeischleichen, bis wir, die so lang verschont Gebliebenen, tatsächlich zu glauben beginnen, sie seien nicht mehr da, ja es hätte sie vielleicht sogar nie gegeben. Nun aber öffnen sich, ob wir wollen oder nicht, die Türen der verschlossenen Wissensverließe und entlassen ihre apokalyptischen Bilder. In ihnen enthüllt sich jener Teil unseres Wesen, dem die düsteren Wolken eines Gerichts drohen, welches uns - mit der nüchternen Sachlichkeit eines Bankbeamten, der ihm vorgebenen Richtlinien folgend ein heillos überzogenes Konto sperrt - einfach dem überlässt, was wir selbst angerichtet haben: Wir Heraufbeschwörer von Sintfluten... Wir Zauberlehrlinge, die wir mit unserem Können kokettieren, bis das Spiel umschlägt in unkontrollierbaren Ernst... Wir Säuglinge an den kalten Brüsten der Technik, welche indessen nicht dem gnädigen Gesetz der Mütterlichkeit, sondern ohne Ohr für Bitten und Flehen ausschließlich mechanistischen Notwendigkeiten folgt... Wir auf festem Boden sich wähnenden, jedoch steile Klippen betanzenden Schlafwandler, die, plötzlich zu sich kommend im Weckschrei der Katastrophe, gewahr werden der stürzenden Abgründe vor unseren Augen... Diese Bilder sind in ihrer Substanz uralt: Sie gehören zum Mauerwerk des babylonischen Turms, an dem die Menschheit bis heute baut und dessen Zusammensturz - von der biblischen Urgeschichte vorhergesagt - sie befürchtet. (Die ungezählten Katastrophenfilme- und Literatur allein der letzten 10 Jahre entstammen dieser Furcht.)
Auf den weißen Mauern dieses ehemaligen Pfarrhauses, das nur noch mein dienstliches Refugium ist, vollführen unzählige Fliegen ahnungslos ihren Sonnentanz: In den nächsten Tagen soll wieder die Kälte einziehen in den Schwarzwald. Wir wissen unendlich viel mehr und sind doch in gewisser Hinsicht ähnlich ahnungslos.
Donnerstag, den 10. März 2011 Dieser Tage gelesen erstaunliche Aufzeichnungen Andy Warhols aus dem Jahr 1980:
"Bei einem Psychiater bin ich noch nie gewesen. Die Leute in New York glauben nicht mehr daran, daß die Psychiatrie etwas bewirkt. Sie kehren wieder zur Kirche zurück. Was mich betrifft, so habe ich sie nie verlassen. An den meisten Sonntagen gehe ich in die römisch-katholische Kirche gleich um die Ecke." Vielleicht sind diese Sätze eines Künstlers, der wie kein anderer (und freilich aus einem tiefen Begreifen heraus) Kommerz und Kunst miteinander verbunden und den Kult des Oberflächlichen proklamiert hat, Vorahnungen einer Zeit, die erneut (der Prediger Salomo wusste es schon) begreifen wird, dass es Fragen um Leben und Sterben gibt, denen auf keinem Wege - und auch nicht mit den Mitteln von Psychoanalyse und Psychotherapie - beizukommen ist, sondern die, solange wir leben, gelebt werden müssen.
Unsere Seelen: aus Geburt und Tod, Können und Unvermögen, Fortschritt und Stillstand, aus ebenso banalen wie bedeutenden Tragödien und Komödien, aus Alltag und Schicksal immerfort neu sich knüpfende, ins Unendliche hinein sich verwirrende gordische Knoten...
Auch Religiosität verheisst keineswegs Auflösung des Unentwirrbaren. (Dies ist im Blick auf sie das vielleicht größte und banalste Selbstmissverständnis: in ihr einen
therapeutischen Problemlöser zu erblicken!) Religion ist vielmehr die einzig mögliche Weise, dieses Unentwirrbare, das wir selber sind, zu leben - und dennoch auf Erlösung zu
hoffen.
Sonntag, den 6. März 2011 Langes Nachsinnen über Lukas 10,38-42, dieser mystische Lobgesang auf eine Kirche, die unbeirrt still, ganz Ohr und vollständig ins Hören gekehrt tatsächlich
untätig zu Füßen des Christus sitzt. In gewisser Hinsicht war die Ära des Pietismus die letzte Zeit, die wirklich einen inneren Sinn für eine in solcher Erde sich verwurzelnden Ekklesiologie entwickelt hat.
Die Warnung vor dem Verlust diesen inneren Sinns hat ihren alttestamentlichen Vorklang im Weheruf Jesajas
'Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.' (Jes 30) Und sie klingt nach in Celans Absage an jede 'Mache', die sich schließlich zur 'Machenschaft' steigert.
Indessen sieht man daran auch, dass manche Frontstellungen von so grundsätzlicher Natur sind, dass ihren Linien entlang immerwährender Kampf statthat.
Nach der Predigt werde ich also das ganz im pietistischen Geist beheimatete Lied Johann Heinrich Schröders<i>'Eins ist not! Ach Herr, dies Eine' s</i>ingen lassen: Was sonst auch?
Donnerstag, den 3. März 2011 Die einladende Sonne täuscht: Wenn man das Haus verlässt, treibt einen beissender Wind bald wieder zurück.
Vorgestern sind wir Pfarrer des Kirchenbezirks zusammengesessen, um einen Blick zu werfen auf die weiten Welten der neuen Kommunikationsnetze, die immerfort ihren geheimen Imperativ an uns herantragen: 'Mach mit bei uns! Hier erreichst du die Menschen noch! Wenn du dich aber uns verschließt, wird der Zug ohne dich abfahren. Und dann wirst du bald weg vom Fenster sein und endgültig der Bedeutungslosigkeit anheimfallen!" Die Frage bleibt freilich, ob sich nicht hinter solchen Imperativen eine neue Art von Diktatur zu erkennen gibt, die sich mit dem Glanz neuer technischer Möglichkeiten zu tarnen versucht. Eine Diktatur, die den Menschen jener Kommunikationsebene zuführt, die Botho Strauß einmal mit der Stimmfühlung von Gänsen verglichen hat: An die Stelle des Zwiegesprächs, des Ineinanders von Wort, Blick und Schweigen, dem 'Wunder der Begegnung', tritt endloses, alles Einsame überspielendes Geplapper.
Ich denke an Andrej Tarkowskij und seine Überzeugung, dass Kunst der religiösen Erschütterung zu dienen habe: In der Zeit der Massenkultur, einer 'Zivilsation der Prothesen' ist für ihn die Aufgabe der Kunst, "den Menschen auf seinen Tod vorzubereiten, ihn in seinem Innersten betroffen zu machen. Begegnet der Mensch einem Meisterwerk, so beginnt er in sich jene Stimme zu vernehmen, die auch den Künstler inspirierte. Im Kontakt mit einem solchen Kunstwerk erfährt der Betrachter eine tiefe und reinigende Erschütterung."
Ich frage mich, ob die Kirche je eine andere Aufgabe hatte: mit dem einzigen Unterschied, dass in ihr nicht die Stimme eines Künstlers, sondern die Stimme des CHRISTUS zu ertönen hat.
Die eigentliche Frage ist also: Wird die Kirche, wenn sie 'mitmacht' in den neuen 'Netzwerken', nur noch mitplappern können - oder wird und kann sie noch der Erschütterung dienen, der Stimme des Christus?
Donnerstag, den 24. Februar 2011 Die leuchtende, sonnenbeglänzte Kälte der letzten Tage ist von dumpfem, trübem Licht vertrieben worden, das einen trotz milderer Temperaturen frieren lässt. Aus Schornsteinen kreiselt verloren dünner Rauch. Alles so vertraut: die müde Wüste des Winters mit leisem Frieren, schmutzigen Schneeresten an den Wegrändern und kaltfeuchtem Nebel, der sich legt auf Felder und Beton, Mäntel und Schuhen, Lippen und Augen.
Wie von selbst wandern die Gedanken zurück zu Eliot, über den ich am Dienstagabend sprach. Eliot, welcher in der Moderne immer nur die Wüste sah. Wüste bevölkert von leblosen Blinden, die keine Augen mehr haben für das immer nur aus der Fremde, nie aus dem Vertrauten auf uns zukommende Göttliche. (Den Versuch, Gott ins Vertraute zu ziehen, etwa indem man die Kirchenräume zu gemütliche Wohnzimmer umgestaltet, hätte er als - venia verbo! - 'fortgeschrittene Blindheit' betrachtet.)
Die Augen sind nicht hier
Hier sind keine Augen mehr
In diesem Tal da Sterne sterben
In diesem Hohlweg
Dem Stück Kinnbacken zu unseren verlorenen Reichen
Auf diesem letzten Sammelplatz
Tasten wir nach dem andern
Sprachlos geschart
Am Ufer des reißenden Stroms
Blind, es erschienen denn
Die Augen wieder
Wie der lebendige Stern
Die vielblättrige Rose
Des zwielichtigen Todesreiches,
Niemandes Hoffnung,
Hoffnung der leeren Männer. (Aus: 'Die hohlen Männer')
Die 'Augen' müssen wieder erscheinen, der Sinn für das Fremde, der nicht versucht, dieses zu annektieren und gleichzuschalten...
Die alten Choräle: Es ist Unsinn zu meinen, ihr unschätzbarer Wert liege einfach in ihrer Vertrautheit. (Ginge es nur darum, dann käme man nicht umhin, im Blick auf sie für die Gegenwart einen unaufhaltsamen Wertverlust zu konstatieren und diesen - warum auch einem grundsätzlichen Traditionalismus dienen? - ungerührt hinzunehmen.) Ihr Wert liegt vielmehr darin, dass sie in Melodie und Poesie noch den Sinn für die Hoheit des Fremden - mit einem alten Wort gesprochen: für das Heilige - bewahrt haben: Sie haben noch 'Augen' in Eliots Sinn - und werden infolge dessen in Zukunft sogar immer wertvoller werden.
Montag, den 21. Februar 2011 "Mein irisch Kind, wo weilest du?" Ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben - aber verwundert sehe ich mich der unbestreitbaren Tatsache gegenüber gestellt, dass über zwei Wochen verstrichen sind seit meinem letzten Tagebucheintrag... Liegt es daran, dass ich die Fülle der vergangenen Tage nicht zu fassen vermochte? Besuche von Ausstellungen in Baden-Baden und Wolfsburg: Ich habe verweilt in den
'Unheimlichen Wirklichkeiten' von Duane Hanson und - dem mir bis dato völlig unbekannten - Gregory Crewdson. Bin dem Werk Alberto Giacomettis - noch immer zutiefst staunend über dessen Kunst - wiederbegegnet. Habe wieder und wieder - wie gespannt bin auf den morgigen Eliot-Abend im Schömberger Kurhaus: Eliot wird entweder völlig unverstanden bleiben oder eine Art Exorzismus bewirken - fast lesetaumelnd verharrt in der Poesie des 'Waste Land'. Habe schön und traurig berührt tiefe Schreiben aus Freundeshand erhalten, für die noch Antwort in mir wachsen muss. (Ein untrügliches Kennzeichen von Briefen dafür, dass sie kostbare Zeilen in sich tragen, ist die schlichte Unmöglichkeit, sie
umgehend - dieses furchtbare Unwort moderner Kommunikation - zu beantworten.) Und in wenigen Minuten werde ich mich auf den Weg nach Bad Boll machen, um einer Tagung beizuwohnen.
Dorthin begleiten wird mich neben Eliot der wunderbare Ausspruch Giacomettis:
"Und das Abenteuer, das große Abenteuer besteht darin, in ein und demselben Gesicht jeden Tag wieder etwas Unbekanntes hervortreten zu sehen, das ist großartiger als alle Reisen um die Welt."
Sonntag, den 6. Februar 2011 Nach so vielen kalten, trüben Tagen verströmt die Sonne leuchtend hell erste Frühlingsahnungen. Mit ihr ersteht wie von selbst eine tiefe Dankbarkeit, die auch der Gang ans Sterbebett, zu dem ich nach den Gottesdiensten heute gebeten wurde, nicht zu trüben vermag. Eine Dankbarkeit, der ich zugleich abspüre, in welch gierigen Lichthunger mich die letzten Monate gestürzt haben.
"Mehr Licht!" Ein Ruf gleichermaßen für Winter- und Sterbetage...
Dienstag, den 1. Februar 2011 Gespräch über letzte Themen theologischen Nachsinnens: über Paradies und Gericht, über Endzeit und die Wiederkunft Christi - schließlich die Frage, warum all diese Themen, die über viele Generationen hinweg die Menschen bewegten, umtrieben, sie zu höchsten Spekulation veranlassten, nunmehr so viele kalt lassen, den meisten allenfalls ein zwischen Spott und Bedauern angesiedeltes Lächeln abringen. Eine Antwort darauf ist, dass der Geist des Pragmatismus das Denken mittlerweile völlig durchsetzt hat: Warum sich abringen mit Fragen, auf die es sowieso nie eine sichere Antwort geben wird? Warum sich mit unlösbaren Rätseln konfrontieren? Warum sich in so unsichere Sphären hinein begeben, in denen beinah alles behauptet werden kann und letztlich alles unbeweisbar bleiben wird? Warum auch? So fragen die Pragmatiker, die religiös Unbegabten - und legen uns damit nahe, doch endlich die metaphysischen Fragen auf sich beruhen zu lassen, um sich dem Leben hier und jetzt zuzuwenden und sich mit der Bewältigung des Alltags zufrieden zu geben: der Frage, was wir heute frühstücken wollen und was wir für das Mittag- und Abendessen planen usw. usf.
Ungeachtet der Tatsache indessen, dass wohl die metaphysische Spekulation, das Erahnen jenseitiger Welten es war, was dereinst den Menschen, die Schwelle des Tierreichs überschreitend, zum Menschen werden ließ: indem er über ein Leben nach dem Tode nachsann - und ein solches entschieden bejahend begann, Gräber anzulegen. Das Grab: In den Anfängen der Menschheit war es ein Glaubensbekenntnis für Welten jenseits aller Gräber. Aber was ist es den ganz und gar diesseitig Gewordenen heute? Und: Was kann noch eine Menschheit sein, der nicht nur der Glaube an ein Jenseits, sondern sogar schon das Fragen danach, der also die Leiter abhanden gekommen ist, auf deren Sprossen sie vor Jahrtausenden die Stufen vom Tier zum Menschen erklommen hat?
Dienstag, den 25. Januar 2001 Wintertag, kalt, grau, lichtlos. Draußen taumelt Schnee in schweren Flocken verloren vom Himmel. Heißen Kaffee schlürfend lese ich Verse von Salvador Espriu:
Diese Traurigkeit, ungeheuer, vereisend,
die über uns schwebt von jeher.
gibt uns das Gefühl, daß nahe sei das Ende der Welt.
Aber wer weiß, ob nicht irgendwer, aus dem Schiffbruchsmeer,
eines Tages ans helle Ufer gelangt
und aufs neue verordnet den festen Schritt
auf offenen und geraden Wegen.
Dann wrd vielleicht der Gesang verstanden,
der sich erhob und mit viel Schmerz hervorkam
aus dem Herzen selbst dieser Nacht. Erinnerungen an den am Sonntag in München verbrachten Theaterabend...
Wie lange schon ist die Grundströmung der modernen Kunst - und selbst dort, wo sie zum Schreien komisch ist - die Verzweiflung? Die Beschwörung des Scheiterns? Der Sieg schmerzlicher Vergeblichkeit? Viele werfen ihr dieses Wühlen in den Mülltonnen des Negativen vor, halten es für Selbstbefriedigung nihilistischer Eitelkeit oder für Unfähigkeit, sich dem Schönen gestaltend zuzuwenden.
Der Theologe wird sich solcher Schelte kaum anschließen können, sondern in der modernen Kunst lediglich ein (in der Kirche nicht unbedingt mehr beheimatetes) Umkreisen der lutherischen Ureinsicht erblicken: "es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben."
Keine Frage: Inzwischen sind die Künstler sind in dieser Hinsicht die besseren, weil überzeugenderen, Prediger, die sich noch dazu in ihrer Grundhaltung von kritischen Einwürfen weit weniger beirren lassen.
Und heute abend wartet eine Lesung von Thomas Bernhard's 'Der Untergeher' auf mich: Auch er ein Hochseil-Verzweifler...
Mittwoch, den 19. Januar 2011 Im Kurpfarramt ist die Heizung abgeschaltet. Das Zimmer kühlt immer weiter ab, nähert sich langsam frostigen Zonen. Während ich trotz anbehaltener Winterjacke mit klammen Fingern den Pflichten der Bürokratie genüge, hämmern und bohren die Monteure an den Wänden.
Nichts desto trotz nehme ich widrige Bedingungen wie Pflichten hin, als fänden sie irgendwo in weiter Ferne statt, als hätten sie nichts mit mir zu tun. In Gedanken bin ich ganz bei B., die sich gestern durchgerungen hat, ihr halbjähriges Kind den Weg in den Tod gehen zu lassen.
Es gibt Menschen, die, als trügen sie ein geheimes Hiobsmal, von Gott heimgesucht werden - wieder und wieder und wieder. Als seien sie ausersehen, endlich das Fluchgebet vor Gottes Antlitz aufsteigen zu lassen.
Sonntag, den 16. Januar 2011 Die frühen Morgenstunden des Sonntags: Seit jeher sind sie mir besondere, unvergleichliche Zeit. Vielleicht weil in ihnen ein Schweigen, ein Innehalten, ein Atemholen liegt wie an keinem anderen Morgen. Das Licht steigt anders auf aus der Nacht. Auch die Gedankenverläufe, die Rückschau auf die vergangenen Tage, selbst die Lektüren verlaufen anders: stiller, inniger, konzentrierter - wie eine Vermählung von höchster Kraft und äußerster Zartheit, als strömte in ihnen der Atem des Christus.
Ich muss zurückdenken an den Abend mit B. Wir haben in einer griechischen Taverne sitzend lange gesprochen über einerseits die Angst der höchsten Kirchenleitung vor dem riskierenden, wagenden Wort, selbst dort, wo ihr in jeder Hinsicht die Möglichkeit dazu geboten wird. Und andererseits über jene Gestalten innerhalb der evangelischen Kirche, die rhetorisch und taktisch gewandt im Licht der Öffentlichkeit agieren: um Meinungsführerschaft ringenden Feldherren gleich, die geschickt mit den Soldaten Wort und Wirkung operieren, um damit entscheidendes Gelände zu besetzen.
Beide sind wir uns darin einig: Das protestantische 'sine vi, sed verbo', jener entschiedene Verzicht auf alle Macht außer der des Wortes, zielt weder auf das Wagnislose, noch ist damit der Kampf auf dem Felde der öffentlichen Meinungsführerschaft gemeint, welcher der Kirche weiterhin wichtiges gesellschaftliches Territorium sichern soll. Das 'sine vi sed verbo' hält sich vielmehr in einer anderen geistigen Sphäre auf: Es ist eine Art von Rede, die jedes jovial-selbstsichere Auftreten sich verbietend doch entschieden ist, aber zugleich ihr Antworten als ein Schifflein zeigt auf dem unendlichen Meer der Fragen. Eine Art von Rede, das ebenso riskant wie vorsichtig ist, nicht getrieben vom Willen zur Überzeugung (welcher ja nur eine Spielart darstellt des Willens zur Macht), aber doch Innerstes berühren, bewegt. Eine Art von Rede also, die aufsteigt still und stark, leise-verhalten und mächtig wie dieser Morgen.
Sonntag, den 9. Januar 2011 Nach dem gottesdienstlichen Feier in Engelbrand schleppt sich eine alte Frau an der Hand ihrer Tochter mit so schleppenden Schritten aus der Kirche, dass ich mich unwillkürlich frage, wie lange es wohl dauern wird, bis sie sich endlich in irgendeinen Sessel in ihrem Zimmerlein wird fallen lassen können.
Ihr von äußerster Anstrengung gezeichneter Gottesdienstbesuch bewegt sich in einer Dimension, die wohl den meisten - sogar manchem an und für sich fleißigen Kirchgänger, erst recht aber den religiös Unbegabten - unverständlich bleiben wird: Was für ein Aufwand, was für ein Kraftakt für nicht einmal eine Stunde, wobei doch nicht einmal gesichert ist, wieviel sie, die Schwerhörige und Altersmüde, vom Gesagten überhaupt noch vernehmen und verstehen wird!
Aber kein Zweifel: Dieser Gottesdienstbesuch gleicht darin dem unendlich wertvollen Scherflein der Witwe. Unser Gottesdienst wird verloren sein, wenn es diese alten Frauen nicht mehr geben wird - selbst wenn unsere Kirchenräume brechend voll sein werden mit lärmenden eventsüchtigen Kindern und Erwachsenen.
Donnerstag, den 6. Januar 2011 Während draußen dreckiger Regen sich grau in das unberührte Weiß des Schnees wäscht, lese ich, mich wärmend mit schwarzem Kaffee, in René Chars 'Bibliothek in Flammen':
"Ergreifend ist die Erkenntnis nur an ihrem Saum. ( Die allzu lange währende Vertrautheit mit dem Gestirn, der bequeme Umgang mit ihm -: all das ist tödlich.)" Die Ursache für die Sterilität gegenwärtiger Theologie. Umgekehrt der Grund auch, warum Theologie letztlich nur poetisch möglich ist: Einzig und allein die Poesie vermag, sich dem Christus nähernd, es den morgenländischen Sterndeutern und Weisen, der blutflüssigen Frau, der Musik Johann Sebastian Bachs gleich zu tun. Indem sie ihre Wortopfer darbringt, streckt sie sich mit aller Leidenschaft huldigend nach den Säumen seines göttlichen Gewandes aus, versagt sich aber dabei streng, und sei sie noch so gering, jede plump-vertrauliche Geste. Die akademische Theologie unserer Tage ist demgegenüber ebenso leidenschaftslos wie zudringlich.
Mittwoch, den 5. Januar 2011 Nachtrag. Schon Nietzsche wusste, dass die scheinbar auf die objektiven Fakten - und darin angeblich auf die Wahrheit und nichts als die Wahrheit - bezogenen Historiker nur eine besondere Spezies von Mythenbildung betreiben:<i>"Alle Historiker erzählen von Dingen, die nie existiert haben, außer in der Vorstellung."</i>Wir imaginieren also, und auch der Glaube kommt ohne Imagination nicht aus. Wir müssen uns nicht scheuen, uns eben dies einzugestehen. Im Gegenteil: Jeder einzelne Satz, den wir im Blick auf Gott wagen, trägt das Wahnkleid der Imagination! Allerdings gibt es einen Punkt, an welchem, als würde eine geheime Schleuse geöffnet, um in das Wasser der menschlichen Vorstellungsvermögens das göttliche Gold der Erkenntnis einzustreuen, Einbildung umschlägt in höhere oder tiefere Einsicht, in Vision und Prophetie. Wie und wo und wann dies geschieht, bleibt uns entzogen. Indessen spricht Vieles dafür, dass nicht sparsamste Zurückhaltung der Einbildungskraft zu diesem Punkt führt, sondern umgekehrt deren - freilich nicht einfach wild blühende, sondern auf welche Weise auch immer konzentrierte - Verschwendung.
Poesie betrachte ich in diesem Sinne als einen Akt konzentrierter Verschwendung: Mit ihr graben wir nach dem Schatz im Acker, während die Faktensammler nur die Staubkörner an der Oberfläche scharren. Die Evangelien lassen sich nur aus dem Geist der Poesie heraus verstehen.
Sonntag, den 2.1. 2011 Predigt über den Kindermord zu Bethlehem, dessen Faktizität von der Geschichtswissenschaft einhellig bestritten wird: ihn hat es also nie gegeben...
Und wenn schon: Man hat gar nichts verstanden, wenn man den Evangelisten unter die fleißigen Faktensammler einzuordnen versucht und ihn dabei als Märchenerzähler ertappt, der dort, wo die harte Währung der Historiker in Geltung ist, verstohlen mit dem Spielgeld von Legenden zu zahlen sich anheischt. Denn dem Evangelisten ist keinesfalls daran gelegen, ein historisch korrektes Bild des Herodes zu zeichnen. Herodes - das ist für ihn vielmehr der Typos einer allgegenwärtig drohenden Herrschaft, die zugunsten eigener Macht auch vor Kindermord nicht zurückschreckt, also alles menschlich Substanzielle zu zerstören gewillt ist. Herodes - das ist das wilde Meer des unmenschlichen Chaos, welches die Insel der Christusherrschaft umgibt, bedroht, ihr permanent Land und Erde - die Erde des Weinstocks aus Johannes 15 - zu entreißen sucht. Herodes - das ist das aus den Tiefen der Geschichte immer neu sich erhebende 'große Tier' der Johannesapokalypse. Er ist ebenso Nero, wie Hitler und Stalin. Er ist, vor wenigen Wochen habe ich den Vergleich schon einmal gezogen, Silvio Berlusconi, der Phantasie (und darin auch Kinder) mordende Medienmogul. Er ist jene unpersönliche Macht, die heutzutage auf unterschiedlichsten Ebenen ein 'Geistessterben' - so der Titel eines Buches von Pierangelo Maset, das ich dieser Tage gelesen - bewirkt. Herodes - das ist also, obwohl seine Gestalten und Gesichter wechseln, sogar ins Unsichtbare geistiger Macht vorzudringen vermag, der immergleiche Saum am Kleid der Geschichte.
Die Erzählung des Evangelisten ist gewoben mit dem Silberfaden prophetisch-visionärer Poesie: Sie weiß weit mehr von der Wirklichkeit als die faktengläubigen- und blinden Erbsenzähler der Geschichtswissenschaft zu sehen vermögen. Dass die theologische Exegese sich indessen weitgehend diese zu ihrem Leitstern erkoren hat, ist nur ein weiteres Symptom für das diagnostizierte Geistessterben auch in der Zunft der Theologen. Um demgegenüber - und zugunsten eines Verstehens, das der Würde der SCHRIFT auch nur entfernt gerecht wird - zu widerstehen, hilft nur, sich der Losung René Chars entschieden anzuschließen:
"Ohne die Spaltkraft der Poesie - was ist da Wirklichkeit?"